Schutz vor der nächsten Energiekrise: Heimischer Winterstrom für Tirol
Innsbruck - Vier Jahre nach Kriegsbeginn in der Ukraine geraten die internationalen Energiemärkte, aufgrund der aktuellen Eskalationen im Iran, erneut unter Druck. Stark steigende Öl- und Gaspreise zeigen einmal mehr die Abhängigkeit Europas und Österreichs von Energieimporten. „Wir taumeln von einer Energiekrise in die nächste. Wir müssen endlich von fremden Öl- und Gasmächten unabhängig werden und dem Ausbau der heimischen Energieträger noch viel mehr Priorität geben“, sagt Florian Maringer, Geschäftsführer der IG Windkraft.
Gleichzeitig wächst der Strombedarf. In Tirol wird sich bis 2050 voraussichtlich der Stromverbrauch von derzeit rund 6,3 TWh pro Jahr auf etwa 14,5 TWh mehr als verdoppeln – was dem Jahresverbrauch von rund vier Millionen durchschnittlichen Haushalten entspricht. Treiber dieser Entwicklung sind vor allem die Elektrifizierung von Mobilität, Wärme und Industrie.
Das eigentliche Problem liegt im Winter
Schon heute kann Tirol seinen Strombedarf im Winter nicht vollständig selbst decken, wie Energieexperte Dr. Jürgen Neubarth von e3 consult ausführt. Er hat im Auftrag der IG Windkraft eine Kurzstudie zum Thema Winterstrombedarf in Tirol erstellt. „In einzelnen Wintermonaten des Jahres 2024 mussten bis zu 50 GWh Strom netto importiert werden. Im Verteilnetz entsprach der notwendige Bezug aus dem Übertragungsnetz in Spitzenmonaten des Jahres 2023 sogar bis zu 350 GWh beziehungsweise rund 57 Prozent der monatlichen Stromabgabe“, so Neubarth. Rechnerisch wären rund 46 Windräder notwendig, um diese heutige Lücke zu schließen.
„Die Energiewende entscheidet sich im Winter“, schlussfolgert Neubarth. „Wenn Tirol seine Versorgungssicherheit ernst nimmt, muss es dort ansetzen, wo die Lücke entsteht – und die entsteht in den kalten Monaten.“
Zwei Drittel weniger Winterimporte möglich
Im Szenario der Tiroler Energiestrategie 2050, das von einer Windstromerzeugung aus etwa 40 Windrädern von rund 400 GWh pro Jahr ausgeht, ergibt sich zwischen Oktober und März eine Winterstromlücke von rund 2,1 TWh. Die Studie zeigt jedoch: Wird das technisch realisierbare Windpotenzial von rund 2,9 TWh pro Jahr genutzt, sinkt die Winterstromlücke auf etwa 740 GWh. Das entspricht einer Reduktion um rund zwei Drittel gegenüber dem offiziellen Szenario. Florian Maringer ordnet ein: „Mit dem derzeit vorgesehenen Windkraftanteil bleibt Tirol im Winter deutlich importabhängig. Wird das vorhandene Potenzial genutzt, kann der Importbedarf signifikant gesenkt und das Energiesystem im Winter stabilisiert werden.“
Heimische Erzeugung im Winter entscheidend
Der entscheidende Faktor ist das saisonale Erzeugungsprofil der erneuerbaren Energien. Während Photovoltaik vor allem im Sommer Strom liefert und die Wasserkraft stark von Niederschlägen abhängt, fällt ein Großteil der Windstromproduktion in das Winterhalbjahr.
„Wir sprechen nicht über eine abstrakte Option, sondern über eine konkrete Lösung für ein konkretes Problem“, betont Maringer. „Erneuerbare Energie bedeutet Versorgungssicherheit. Jede Kilowattstunde, die Tirol im Winter selbst erzeugt, macht das Land unabhängiger und stabiler gegenüber Energieimporten. Das einzig Sichere an Gas und an Importen aus dem Ausland ist die nächste Energiekrise.“