Ohne Systemwandel keine Klimaneutralität: Studie stellt Fortschrittsmessung infrage
Viele Länder verweisen auf sinkende CO₂-Emissionen und den Ausbau erneuerbarer Energien, wenn sie ihre Fortschritte im Klimaschutz darstellen. Doch genau diese gängigen Kennzahlen greifen zu kurz – zu diesem Schluss kommt eine neue Studie des Forschungsinstituts für Nachhaltigkeit (RIFS) am Helmholtz-Zentrum Potsdam. Das Forschungsteam rund um Germán Bersalli zeigt: Ohne tiefgreifenden Systemwandel bleibt Klimaneutralität unerreichbar.
Veröffentlicht in der Fachzeitschrift „Current Research in Environmental Sustainability“, stellt die Studie eine neue Methode zur Bewertung der Energiewende vor. Statt nur Ergebnisse wie Emissionsrückgänge zu messen, analysiert sie die zugrunde liegenden Ursachen. „Die üblichen Kennzahlen sagen nicht aus, ob Emissionen durch nachhaltige strukturelle Veränderungen sinken oder nur durch kurzfristige Effekte wie wirtschaftliche Abschwünge“, erklärt Bersalli. Der neue Ansatz ermögliche es, gezielter politische Handlungsfelder zu identifizieren.
Neue Maßstäbe für die Energiewende
Im Zentrum der Analyse steht ein umfassender Bewertungsrahmen, der die Energiewende als vernetztes Gesamtsystem versteht. Dafür definieren die Forschenden fünf zentrale Bereiche: klare politische Ziele zur Emissionsfreiheit, der Ausstieg aus kohlenstoffintensiven Technologien, die Einführung CO₂-freier Technologien, der Umbau der Infrastruktur sowie regulatorische Veränderungen.
Anhand dieses Modells untersuchte das Team den Stromsektor in vier europäischen Ländern: Dänemark, Deutschland, Norwegen und das Vereinigte Königreich – allesamt Staaten, die als Vorreiter der Energiewende gelten.
„Sauberer Strom ist die Grundlage für die Dekarbonisierung von Verkehr und Wärmeversorgung“, so Bersalli. Entscheidend sei jedoch nicht nur der Ausbau neuer Technologien, sondern auch die Anpassung von Infrastruktur und gesetzlichen Rahmenbedingungen.
Nordische Länder führen – Deutschland im Mittelfeld
Die Ergebnisse zeigen deutliche Unterschiede: Norwegen und Dänemark sind bei der Transformation des Energiesystems am weitesten fortgeschritten. Norwegen erzeugt seinen Strom bereits nahezu vollständig aus erneuerbaren Energien, insbesondere aus Wasserkraft. Dänemark konnte seine CO₂-Intensität in den vergangenen Jahren deutlich senken – vor allem durch den konsequenten Ausstieg aus Kohle und Gas sowie den Ausbau von Wind- und Solarenergie.
Deutschland hingegen hat zwar den Anteil erneuerbarer Energien deutlich erhöht, kämpft jedoch weiterhin mit strukturellen Defiziten. Vor allem beim Ausbau der Stromnetze und von Energiespeichern besteht Nachholbedarf. Noch langsamer verläuft die Entwicklung im Vereinigten Königreich, wo die energiepolitischen Maßnahmen insgesamt weniger ambitioniert ausfallen.
Klimaneutralität erfordert tiefgreifenden Umbau
Die zentrale Botschaft der Studie ist eindeutig: Einzelne Fortschritte reichen nicht aus. „Ohne einen tiefgreifenden Umbau des gesamten Energiesystems bleibt Klimaneutralität außer Reichweite“, betont Bersalli.
Gleichzeitig macht die Analyse auch Hoffnung. Die Beispiele aus Dänemark und Norwegen zeigen, dass entschlossene politische Maßnahmen den Wandel deutlich beschleunigen können. Entscheidend sei, die Energiewende nicht nur als technologische Herausforderung zu begreifen, sondern als umfassende gesellschaftliche Transformation.
Bersalli, G., Gottheit, D., & Lilliestam, J. (2026). A simple yet holistic approach for assessing systemic change in sectoral zero-carbon transitions: The case of electricity in Europe. Current research in environmental sustainability, 11: 100342. doi.org/10.1016/j.crsust.2026.100342.