Nukleare Renaissance oder finanzielles Fass ohne Boden?
Die nackten Zahlen sind beeindruckend und beängstigend zugleich. Bis 2050 müssten laut EU-Kommission allein in Europa rund 241 Milliarden Euro in die Kernenergie fließen. Doch wer soll das bezahlen? Privatwirtschaftlich ist die Kernkraft heute kaum noch darstellbar – sie ist schlichtweg „extremst teuer“.
FINABe: Die Suche nach dem rettenden Kapital
Der neu gegründete Beirat soll die Brücke zwischen der Energiewirtschaft und dem Finanzsektor schlagen. Hochkarätige Namen wie ABN AMRO, BNP Paribas, HSBC und die Royal Bank of Canada sitzen mit am Tisch. Das Ziel: Finanzierungsmodelle zu entwickeln, die das enorme Risiko von Nuklearprojekten für private Investoren absichern.
EDF-Finanzdirektor Claude Laruelle bringt es auf den Punkt: Die Sicherstellung glaubwürdiger Finanzierungslösungen sei heute „ebenso entscheidend wie die Auswahl der richtigen Technologie“. Übersetzt bedeutet das: Ohne massive staatliche Schützenhilfe und neue Finanzkonstrukte wird kein einziger neuer Meiler gebaut.
Warum Atomkraft ökonomisch über dem Limit operiert
Dass EDF diesen internationalen Beirat gründet, ist auch ein Eingeständnis: Kernkraft ist im freien Wettbewerb kaum noch- oder eigentlich gar nicht - konkurrenzfähig. Mehrere Faktoren machen sie zu einem wirtschaftlichen Hochrisiko-Investment:
Gigantische Kapitalkosten: Der Bau eines modernen Reaktors verschlingt zweistellige Milliardenbeträge, bevor die erste Kilowattstunde Strom fließt.
Extreme Laufzeiten: Von der Planung bis zur Netzsynchronisation vergehen oft Jahrzehnte. In dieser Zeit erwirtschaftet das eingesetzte Kapital keine Rendite, während Zinsen die Kosten weiter in die Höhe treiben.
Unkalkulierbare Verzögerungen: Nahezu jedes aktuelle Großprojekt in Europa (wie etwa in Flamanville oder Hinkley Point) kämpft mit massiven Zeit- und Budgetüberschreitungen.
Günstige Alternativen: Wind- und Solarenergie sind in den Gestehungskosten einfach drastisch günstiger als Atomstrom.
Hoffnungsschimmer SMR?
Ein Schwerpunkt von FINABe liegt auf den sogenannten Small Modular Reactors (SMR). Diese kleineren Einheiten versprechen geringere Investitionskosten und eine schnellere Bauweise. Doch auch hier warnen Insider schon länger: Noch gibt es keine erprobten Finanzierungsmodelle und keine umgesetzten Projekte. Es wird zwar behauptet, dass Skaleneffekte die Kosten so weit drücken könnten, dass die Nukleartechnik wieder rentabel wird, aber bis es soweit ist, dauert es extremst lange und Solar und Windenergie sind schon jetzt einfach auf der Siegerstraße: Günstig und rasch umsetzbar.
Laut einer Studie der Universität Stanford könnten außerdem bei SMRs bis zu 30-mal mehr radioaktive Abfälle anfallen als bei jetzigen Reaktoren.
Fazit: Ohne den Staat geht nichts
Damit zeigt sich, dass die „nukleare Renaissance“ am seidenen Faden der Finanzierung hängt. Instrumente wie staatliche Garantien, Differenzverträge (CfD) oder Kredite der Europäischen Investitionsbank werden im FINABe-Beirat ganz oben auf der Agenda stehen.
Die Gründung des Gremiums zeigt: Kernkraft ist derzeit weniger eine technische als vielmehr eine finanzmathematische Herausforderung. Ob die Banken bereit sind, sich auf das fatale Abenteuer einzulassen, wird darüber entscheiden, ob die Szenarien der Internationalen Energieagentur (IEA) von bis zu 1000 Gigawatt Atomstrom weltweit Realität werden – oder ob die Kosten die Technologie letztlich einfach überholen. Derzeit sieht es nicht gut aus für Geld aus der Privatwirtschaft, denn wieso sollte diese in Atomkraft investieren, wenn sie mit erneuerbaren Energien einfach weit bessere Renditen macht.
Photovoltaik (Freifläche) 35 – 55 €
Wind (Onshore) 40 – 85 €
Erdgas (GuD) 110 – 180 €
Kernkraft (Neubau) 140 – 490 €
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