Novartis ersetzt Erdgas durch Strom: Tiroler Werke sparen 20.600 Tonnen CO₂ pro Jahr
Dampf ist in der pharmazeutischen Produktion eine unsichtbare, aber unverzichtbare Lebensader. Er wird benötigt, um Anlagen zu sterilisieren, Produktionsprozesse zu temperieren, Reinraumbedingungen sicherzustellen und Gebäude zu beheizen. Entsprechend groß ist der Energiebedarf eines Pharmastandorts, der rund um die Uhr produziert.
Bei Novartis in Kundl und Schaftenau wurde diese energieintensive Prozesswärme bisher mit Erdgas erzeugt. Nun erfolgt der Wechsel auf Strom: Insgesamt fünf neue Elektro-Dampfkessel, zwei in Kundl und drei in Schaftenau, ersetzen die bisherige gasbasierte Dampferzeugung.
Das Ergebnis ist beeindruckend: Nach Angaben von Novartis werden dadurch jährlich rund 20.600 Tonnen CO₂ eingespart.
Strom statt Erdgas für die Dampferzeugung
Die beiden neuen Dampfkesselanlagen gingen im Herbst 2025 in Kundl beziehungsweise im Frühjahr 2026 in Schaftenau in Betrieb. Der für die Anlagen benötigte Strom stammt überwiegend aus Wasserkraft und teilweise aus Photovoltaik.
In Schaftenau kann der Standort nach Unternehmensangaben vollständig auf Erdgas für die Dampferzeugung verzichten. In Kundl werden sämtliche Novartis-Produktionsanlagen mit CO₂-frei erzeugtem Dampf versorgt.
Lediglich für einen möglichen Notbetrieb bleibt ein minimaler Erdgas-Einsatz vorgesehen. Dieser gilt nach dem Greenhouse Gas Protocol als technisch unvermeidbar.
„Mit den neuen elektrobetriebenen Dampfkesselanlagen setzen wir nicht nur einen technologischen Meilenstein, sondern investieren auch bewusst in eine umweltverträgliche Zukunft für kommende Generationen“, sagt Roland Gander, Geschäftsführer des Novartis Campus Kundl/Schaftenau.
37,5 Tonnen Dampf pro Stunde
Welche Dimensionen die neue Anlage hat, zeigt die Produktionsmenge: Jeder der fünf Kessel kann 7,5 Tonnen Dampf pro Stunde erzeugen. Zusammen sind das 37,5 Tonnen beziehungsweise rund 37.500 Liter Wasser pro Stunde.
Novartis veranschaulicht die Größenordnung mit einem ungewöhnlichen Vergleich: Das entspricht ungefähr der Wassermenge von 250 Badewannen, die pro Stunde verdampft wird.
Die fünf Kessel verfügen jeweils über 5 Megawatt Leistung, zusammen also über 25 Megawatt. Damit können sie im Dauerbetrieb den gesamten Dampfbedarf der beiden Standorte abdecken.
Die Anlagen erreichen laut Novartis eine Energieeffizienz von 99,6 Prozent. Lediglich rund 0,4 Prozent der eingesetzten Energie gehen als Wärmeverlust verloren.
20.600 Tonnen CO₂ weniger, ohne Kompensation
Besonders relevant ist, dass die Emissionsreduktion unmittelbar durch den Ersatz des fossilen Energieträgers erreicht wird.
Von den jährlich eingesparten 20.600 Tonnen CO₂ entfallen rund 5.600 Tonnen auf Kundl und etwa 15.000 Tonnen auf Schaftenau.
„Hier wird durch die Substitution von Erdgas tatsächlich jede Menge CO₂ eingespart – und nicht bloß durch Kompensation verringert“, erklärt Mathias Fiedelak, Energiemanager und Projektleiter in Schaftenau.
Zum Vergleich: Novartis setzt die jährliche Einsparung mit rund 206.000 Autofahrten zwischen Innsbruck und Wien gleich.
Dekarbonisierung eines energieintensiven Prozesses
Das Projekt ist deshalb interessant, weil die Elektrifizierung nicht bei klassischen Anwendungen wie Beleuchtung oder Gebäudetechnik ansetzt, sondern bei einem industriellen Hochtemperatur- und Prozessenergiebedarf.
Elektro-Dampfkessel funktionieren im Prinzip wie riesige elektrische Wasserkocher: Elektrische Energie erhitzt Wasser, der entstehende Dampf wird anschließend über Rohrleitungen dorthin transportiert, wo er für Produktion und Gebäudetechnik benötigt wird.
Voraussetzung für eine deutliche Klimawirkung ist dabei allerdings ein möglichst emissionsarmer Strommix. Bei Novartis in Tirol wird der Strom aktuell überwiegend aus Wasserkraft bezogen und teilweise durch Photovoltaik ergänzt.
Auch der Wasserverbrauch wird reduziert
Für die Dampferzeugung wird viel Wasser benötigt. Dieses stammt überwiegend aus werkseigenen Brunnen. Gleichzeitig arbeitet Novartis nach eigenen Angaben daran, den Wasserbedarf der Standorte weiter zu reduzieren.
In den vergangenen zehn Jahren konnte der Wasserverbrauch in Kundl und Schaftenau dem Unternehmen zufolge halbiert werden.
Damit geht die Dekarbonisierung der Dampferzeugung mit weiteren Maßnahmen zum schonenden Umgang mit Ressourcen einher.
Netto-Null für Tirol bis 2040
Für Novartis ist die Elektrifizierung der Dampferzeugung Teil eines größeren Klimaprogramms. Die Tiroler Standorte haben ihre direkten Emissionen aus dem eigenen Betrieb und aus eingekaufter Energie damit nach Unternehmensangaben bereits auf nahezu Netto-Null reduziert.
Das übergeordnete Ziel des Pharmakonzerns ist, bis 2040 Netto-Null-Treibhausgasemissionen entlang der gesamten Wertschöpfungskette zu erreichen.
In Kundl und Schaftenau soll die Transformation deshalb weitergehen. Geplant beziehungsweise bereits in Umsetzung sind unter anderem Hochtemperatur-Wärmepumpen zur Warmwassererzeugung. Außerdem soll die Sterilwassererzeugung von der energieintensiven Destillation auf Filtration umgestellt werden.
Doris Wall, Energiemanagerin und Projektleiterin in Kundl, sieht in den neuen Anlagen einen wichtigen Schritt: „Große industrielle Prozesse können auch deutlich emissionsärmer gestaltet werden.“
Das Beispiel Kundl und Schaftenau zeigt, wo industrielle Dekarbonisierung besonders wirksam werden kann: bei den großen, kontinuierlich laufenden Energieverbrauchern. Wird fossiles Erdgas dort durch erneuerbaren Strom ersetzt, lassen sich selbst bei einem 24-Stunden-Industriebetrieb erhebliche CO₂-Mengen einsparen.