Neue Standards bringen V2G-Markt entscheidend voran
Die Vehicle-to-Grid-Technologie (V2G) entwickelt sich derzeit von Pilotprojekten hin zu kommerziellen Anwendungen. Während bidirektionale Ladesysteme bereits von mehreren Autoherstellern angeboten werden, sind die Möglichkeiten bislang vielfach durch proprietäre Hardware und auf einzelne Fahrzeug-Ladegerät-Kombinationen begrenzt. Für eine breite Nutzung als dezentrale Stromspeicher braucht es daher vor allem eines: Interoperabilität.
In den USA erfolte ein wichtiger Schritt am 21. Mai 2026 mit der Veröffentlichung des UL 1741 Supplement SC durch UL Standards & Engagement. Der neue Standard schafft einen Zertifizierungsweg für bidirektionale AC-Ladegeräte, die mit Elektrofahrzeugen mit bidirektionalem Onboard-Wechselrichter nach SAE J3072 eingesetzt werden können.
Weg zu mehr Interoperabilität
V2G-Systeme lassen sich grundsätzlich in zwei Varianten unterscheiden. Bei V2G DC befindet sich die Wechselrichtertechnik außerhalb des Fahrzeugs, während bei V2G AC der Wechselrichter bereits im Elektroauto integriert ist. Gerade beim AC-Ansatz könnte die neue Zertifizierungsregelung eine wichtige Rolle spielen.
Bisher mussten für V2G AC vielfach bestimmte Fahrzeugmodelle und Ladegeräte als abgestimmtes Gesamtsystem zertifiziert werden. Der neue Ansatz nach UL 1741 SC ermöglicht nun, das Ladegerät als eine Art „Überwachungsinstanz“ für ein Fahrzeug einzusetzen, das die Anforderungen von SAE J3072 erfüllt.
Damit könnte sich der Markt deutlich öffnen: Verschiedene Elektrofahrzeuge könnten künftig mit unterschiedlichen kompatiblen bidirektionalen AC-Ladegeräten zusammenarbeiten, ohne dass jede einzelne Fahrzeug-Ladegerät-Kombination separat als Gesamtsystem zertifiziert werden muss.
Zach Woogen, Geschäftsführer des Vehicle Grid Integration Council (VGIC) , sieht darin einen möglichen Wendepunkt. Der lang erwartete Standard könne durch die Förderung der Interoperabilität einen neuen Markt für kostengünstige und skalierbare V2G-AC-Lösungen anstoßen.
Auch ISO 15118-20 spielt eine zentrale Rolle
Eine zweite wichtige Entwicklung kommt aus dem Bereich der Kommunikationsstandards. Die UL-1741-SC- und SAE-J3072-Struktur soll künftig mit den Möglichkeiten von ISO 15118-20 zusammenspielen. Mit dem am 13. Juli 2026 veröffentlichten Amendment 1 wird insbesondere die bidirektionale Energieübertragung unterstützt.
Damit treffen zwei entscheidende Ebenen aufeinander: Technische Zertifizierung und standardisierte Kommunikation. Gemeinsam könnten sie die Grundlage für ein interoperables Ökosystem schaffen, in dem Elektroautos, Ladegeräte und Stromnetze verschiedener Anbieter miteinander kommunizieren und Energie in beide Richtungen austauschen.
USA schaffen regulatorische Grundlagen
In den USA arbeiten bereits mehrere Bundesstaaten und Energieversorger daran, die regulatorischen Rahmenbedingungen für V2G anzupassen. In Kalifornien und Maryland bestehen bereits Wege zur Zertifizierung sogenannter mehrteiliger DER-Systeme (Distributed Energy Resources) in Kombination mit UL 9741. In Nevada und Connecticut liegen entsprechende Vorschläge vor.
Maryland hat außerdem schon 2025 Regelungen vorbereitet, die sowohl den bisherigen Weg für abgestimmte Fahrzeug-Ladegerät-Systeme als auch den neuen Ansatz nach UL 1741 SC berücksichtigen.
Auch in Kalifornien könnte sich nun einiges bewegen. Nach der Veröffentlichung von UL 1741 SC haben die drei großen Investor-Owned Utilities des Bundesstaates die zuständige California Public Utilities Commission (CPUC) am 10. Juli 2026 offiziell informiert. Damit wurde ein Prozess angestoßen, der die Diskussion über dauerhafte Regeln für V2G AC wieder öffnet. Innerhalb von acht Monaten nach der Wiederaufnahme der Arbeitsgruppe sollen Vorschläge für Anpassungen der sogenannten Rule 21 vorgelegt werden oder es soll, falls die Standards noch nicht ausreichen, bei einem Übergangsweg bleiben.
Elektroautos werden zu flexiblen Energiespeichern
Die Bedeutung dieser Entwicklung geht über das Laden einzelner Elektroautos hinaus. Mit einer wachsenden Zahl von E-Autos auf den Straßen entsteht eine enorme, bislang weitgehend ungenutzte Speicherkapazität. Werden Fahrzeuge bidirektional geladen, können sie überschüssigen Solar- und Windstrom aufnehmen und bei Bedarf wieder ins Haus oder perspektivisch ins öffentliche Netz zurückspeisen.
Damit könnten E-Autos künftig einen wichtigen Beitrag zur Flexibilisierung der Stromnetze leisten, vor allem in Zeiten, in denen immer mehr erneuerbare Energien ins System integriert werden.
Die entscheidende Voraussetzung dafür sind aber gemeinsame technische Standards und klare Regeln für die Netzanbindung. UL 1741 SC und ISO 15118-20 könnten zu wichtigen Bausteinen einer neuen V2G-Ära werden. Der nächste Schritt ist nun, diese Standards in möglichst vielen Regionen in konkrete Anschlussregeln zu überführen.
Erst wenn Elektroauto, Ladegerät, Netzbetreiber und Energiemanagementsysteme zuverlässig zusammenspielen, kann aus der Vision vom „rollenden Batteriespeicher“ ein breit nutzbares Element der Energiewende werden.