Neue Kohle-Stahlwerke würden Klimaschutz doppelt so teuer machen
Laut der am Donnerstag in Nature Climate Change veröffentlichten Untersuchung unter Leitung des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) kostet die Abkehr von neuen Kohle-Stahlwerken bis 2030 weltweit rund 800 Milliarden Dollar. Würde man die dadurch entstehenden Emissionen erst später in anderen Wirtschaftsbereichen reduzieren oder mit CO₂-Entnahmen kompensieren, lägen die Kosten bei etwa 1,5 Billionen Dollar – also fast doppelt so hoch.
Die Stahlindustrie zählt zu den größten Klimabelastungen weltweit. Im Jahr 2023 verursachte sie rund sieben Prozent der globalen Treibhausgasemissionen – mehr als die gesamte Europäische Union. Rund 70 Prozent der weltweiten Stahlproduktion basieren derzeit auf Kohle. Besonders in Schwellenländern wächst die Branche rasant, viele neue Werke befinden sich bereits in Planung.
Die Forschenden warnen deshalb vor einem sogenannten „Lock-in“-Effekt: Werden neue kohlebefeuerte Hochöfen gebaut, bleiben sie meist über Jahrzehnte in Betrieb und schreiben hohe Emissionen bis weit in die 2060er Jahre fest.
„Wenn wir die globale Erwärmung langfristig wieder unter 1,5 Grad bringen wollen, ist der Stahlsektor einer der effektivsten Bereiche für sofortige Investitionen“, sagt die Hauptautorin der Studie, Clara Bachorz vom PIK.
Milliardeninvestitionen könnten 73 Gigatonnen CO₂ vermeiden
Für die Studie analysierte ein internationales Forschungsteam – darunter auch Wissenschaftler:innen der Interdisciplinary Transformation University Austria – detaillierte Daten einzelner Stahlwerke sowie globale Produktionsmodelle bis zum Jahr 2070.
Verglichen wurden Szenarien mit fortgesetztem Ausbau kohlebasierter Stahlproduktion mit Alternativen wie wasserstofffähigen Stahlwerken oder verstärktem Recycling von Stahlschrott. Das Ergebnis: Durch den Verzicht auf neue Kohleanlagen und den Umstieg auf emissionsärmere Technologien könnten weltweit insgesamt 73 Gigatonnen CO₂ eingespart werden. Das entspricht mehr als 60 Prozent jener Emissionen, die bei einem „Weiter wie bisher“ entstehen würden.
„Wenn wir jetzt nicht handeln, werden die verbleibenden Möglichkeiten zur Emissionsreduktion in anderen Sektoren deutlich teurer“, erklärt Studienautor Jakob Dürrwächter. In einem Szenario, das die Erderwärmung auf 1,5 Grad begrenzen soll, seien günstige Einsparpotenziale ohnehin bereits ausgeschöpft.
Auch bestehende Hochöfen müssten früher stillgelegt werden
Die Studie zeigt außerdem, dass ein klimakompatibler Umbau der Stahlindustrie nicht nur den Verzicht auf neue Kohleanlagen erfordert. Auch bestehende Hochöfen müssten teilweise früher außer Betrieb genommen werden – insbesondere in China, wo viele Anlagen erst in den vergangenen Jahren errichtet wurden.
Normalerweise werden Hochöfen nach etwa 20 Jahren generalsaniert und anschließend weiterbetrieben. Genau hier sehen die Forschenden ein Zeitfenster für politische Eingriffe. „Eine Neuzustellung ist wirtschaftlich oft sinnvoll“, sagt Dürrwächter. „Mit klaren politischen Rahmenbedingungen könnte dieser Zeitpunkt aber genutzt werden, um Anlagen stillzulegen und durch emissionsärmere Technologien zu ersetzen.“
Indien entscheidet über die Zukunft der Stahl-Emissionen
Besonders entscheidend für die globale Entwicklung ist laut Studie Indien. Dort befindet sich derzeit die weltweit größte Pipeline geplanter Kohle-Stahlwerke – viele davon allerdings noch vor Baubeginn. Dadurch bestehe noch die Chance, Investitionen umzulenken.
Allein in Indien könnten laut Modellrechnungen 22 Gigatonnen CO₂ eingespart werden, wenn zwischen 2026 und 2030 rund 50 Milliarden Dollar statt in Kohle in wasserstofffähige Stahlwerke investiert würden.
Allerdings stehen Schwellenländer vor erheblichen finanziellen Hürden. Anlagen für grünen Wasserstoff erfordern hohe Anfangsinvestitionen, während die Finanzierungskosten oft deutlich höher sind als in Industrieländern.
„Internationale Finanzierungsprogramme könnten entscheidend sein, um die Risiken zu senken und den Aufbau sauberer Stahlproduktion zu ermöglichen“, sagt Bachorz.
Für Optimismus sorgen jedoch jüngste Entwicklungen in Indien: Im Rahmen der „National Green Hydrogen Mission“ wurden zuletzt überraschend niedrige Preise für grünen Wasserstoff erzielt. Das könnte darauf hindeuten, dass die Kosten für wasserstoffbasierte Stahlproduktion schneller sinken als bisher angenommen.
„Wenn Indien diesen Übergang schafft, könnte das zum Vorbild für viele andere Schwellenländer werden“, so Bachorz.