Merit Oder: Energieexperten meinen, Strommarkt soll weiterentwickelt werden
Nach Ansicht österreichischer Energieexpertinnen und -experten sollte das Merit-Order-System daher nicht abgeschafft, sondern gezielt weiterentwickelt werden. Beim Mediengespräch des Netzwerks „Diskurs“ am Freitag sprachen sich die Fachleute für einen Übergang zu einem hybriden Strommarktdesign aus, das Versorgungssicherheit, erneuerbare Energien und stabile Preise besser miteinander verbindet.
Das Merit Order Prinzip regelt, welches Kraftwerk den Strompreis bestimmt: Jene Kraftwerke mit den höchsten noch benötigten Produktionskosten setzen den Preis für alle Anbieter am Markt. In den vergangenen Jahren führte vor allem der starke Anstieg der Gaspreise zu massiven Strompreissprüngen – und damit auch zu Forderungen nach einer Abschaffung des Systems.
Nach Ansicht von Tara Esterl vom Austrian Institute of Technology (AIT) zeigt die aktuelle Debatte jedoch ein Missverständnis über die Funktionsweise des Marktes. Hohe Preise seien, so Esterl, nicht automatisch ein Zeichen für Marktversagen. „Eigentlich hat die Merit Order schon gemacht, was sie soll. Sie hat Engpässe angezeigt“, erklärte Esterl. Die Preisspitzen seien zwar für Konsument:innen belastend gewesen, dennoch arbeite der Mechanismus kurzfristig effizient.
Modellrechnungen des AIT und Szenarien bis 2030 würden zeigen, dass direkte Eingriffe in die Preisbildung problematisch sein könnten. Besonders kritisch sieht Esterl nationale Gassubventionen. Solche Maßnahmen würden nur funktionieren, wenn sie europaweit umgesetzt würden. „Für Österreich allein macht das keinen Sinn“, betonte sie. Eine rein nationale Lösung würde hohe Kosten verursachen, ohne entsprechenden Nutzen.
Andreas Türk von Joanneum Research sieht die intensive österreichische Debatte kritisch. Auf europäischer Ebene spiele die Abschaffung der Merit Order derzeit keine zentrale Rolle.
Statt das gesamte Marktsystem umzubauen, müsse vielmehr das Ziel sein, Gaskraftwerke zunehmend aus der Preisbildung zu drängen. Das könne durch den massiven Ausbau von Batteriespeichern, flexiblere Stromnutzung und mehr erneuerbare Energie gelingen. Zudem bestehe der Gaspreis nicht nur aus Rohstoffkosten: Rund 40 bis 50 Prozent würden laut Türk auf Emissionshandel und Abgaben entfallen.
Deutlich kritischer gegenüber dem bestehenden System äußerte sich Umweltökonomin Sigrid Stagl von der Wirtschaftsuniversität Wien. Für den kurzfristigen Einsatz von Kraftwerken sei Merit Order zwar weiterhin sinnvoll, als langfristiges Investitionssignal in einer klimaneutralen Wirtschaft versage sie jedoch.
Das Problem liege darin, dass erneuerbare Energien wie Wind- und Solarstrom kaum laufende Produktionskosten hätten. Wenn also viel erneuerbarer Strom gleichzeitig verfügbar sei, sinken die Marktpreise stark. Dadurch werde es für Betreiber schwieriger, ihre Investitionen zu refinanzieren – ein Effekt, den Fachleute als „Kannibalisierung“ bezeichnen.
Die Expertinnen und Experten plädieren daher für einen schrittweisen Übergang zu einem hybriden Strommarktsystem. Dieses soll den Wettbewerb am Markt mit staatlicher Absicherung und langfristiger Planung kombinieren.
„Wir müssen das Design von einem rein preisgetriebenen Kurzfrist-System zu einem hybriden Modell weiterentwickeln, das Wettbewerb mit staatlicher Risikoabsicherung und strategischer Planung kombiniert“, sagte Stagl.
Als mögliche Instrumente nannten die Fachleute technologieneutrale Kapazitätsmärkte sowie sogenannte „Contracts for Difference“ (CfD). Dabei garantiert der Staat Stromerzeugern einen Mindestpreis für ihren Strom. Liegen die Marktpreise darunter, gleicht der Staat die Differenz aus. Steigen die Preise hingegen stark an, fließen Übergewinne an die öffentliche Hand zurück. Dadurch sollen Investitionen in erneuerbare Energien attraktiver werden, während Konsumentinnen und Konsumenten gleichzeitig besser vor extremen Preisschwankungen geschützt werden.