KWS-Patent auf Mais: Kritik am Europäischen Patentamt wächst
München/Wien/Schiltern – Das Europäische Patentamt (EPA) steht erneut in der Kritik: Trotz eines klaren Verbots erteilt es weiterhin Patente auf Pflanzen aus konventioneller Züchtung. Ein aktueller Fall rund um ein Patent des Saatgutkonzerns KWS auf Mais mit verbesserter Verdaulichkeit sorgt nun für politischen Druck – auch auf EU-Ebene.
Konkret geht es um ein Patent auf Maispflanzen, die bestimmte, natürlicherweise vorkommende Genvarianten enthalten. Diese Eigenschaften werden traditionell durch klassische Züchtung weitergegeben – genau solche Verfahren sollten laut europäischem Recht eigentlich nicht patentierbar sein. Dennoch umfasst das erteilte Patent nicht nur die Pflanzen selbst, sondern auch deren Ernte sowie daraus hergestellte Futtermittel wie Silage.
Für Kritik sorgt insbesondere, dass das Patent auch die Nutzung dieser Pflanzen in der Züchtung abdeckt – ein Bereich, der für landwirtschaftliche Innovation zentral ist. Das internationale Bündnis „No Patents on Seeds!“ hat daher Beschwerde gegen die Entscheidung des EPA eingelegt, nachdem ein erster Einspruch im November 2025 abgewiesen worden war.
Das Verbot von Patenten auf konventionell gezüchtete Pflanzen wurde 2017 im Europäischen Patentübereinkommen präzisiert. Der aktuelle Fall gilt als erster, bei dem diese Regelung eigentlich hätte greifen sollen. Kritiker:innen sehen darin ein deutliches Signal, dass das EPA die bestehenden Vorgaben unterläuft.
Ein neuer Bericht des Bündnisses zeigt zudem, dass es sich nicht um einen Einzelfall handelt: Allein im Jahr 2025 wurden rund 40 weitere Patentanmeldungen mit ähnlicher Reichweite veröffentlicht. Für Beobachter:innen deutet das auf eine gezielte Strategie großer Agrarkonzerne hin.
„Hier wird genau das patentiert, was vom Verbot ausgenommen sein sollte: natürliche Eigenschaften und deren Nutzung in der Züchtung“, sagt Dagmar Urban, Expertin für Saatgutrecht bei ARCHE NOAH. Ihrer Einschätzung nach könnten solche Patente weitreichende Konsequenzen haben.
Denn genetische Eigenschaften, die in bestehenden Sorten oder sogar in Wildpflanzen vorkommen, werden häufig als sogenannte Markergene genutzt, um gewünschte Merkmale gezielt auszuwählen. Wenn diese genetischen Grundlagen patentiert sind, kann dies die gesamte Pflanzenzüchtung einschränken.
Auch Konsument:innen könnten betroffen sein: Künftig könnten selbst gentechnikfreie Produkte – von Gemüse über Jungpflanzen bis hin zu verarbeiteten Lebensmitteln wie Bier – unter Patentschutz fallen. Lizenzgebühren könnten sich dann entlang der gesamten Wertschöpfungskette bemerkbar machen und letztlich die Preise erhöhen.
Brisant ist der Fall auch wegen einer anstehenden Entscheidung auf EU-Ebene. Im Zuge der Debatte über die Regulierung Neuer Gentechnik (NGT) hatte sich das Europäische Parlament bereits 2024 für ein umfassendes Patentverbot ausgesprochen – sowohl für konventionell gezüchtete Pflanzen als auch für solche aus Neuer Gentechnik.
Im aktuellen Gesetzeskompromiss sind jedoch keine wirksamen Verbote mehr vorgesehen. Der Umweltausschuss des EU-Parlaments soll am 5. Mai darüber abstimmen, das Plenum folgt Mitte Mai.
„Diese Patente widersprechen dem ausdrücklichen Willen der EU-Bürger:innen und gefährden die Zukunft der Landwirtschaft“, warnt Urban. Sie fordert die EU-Abgeordneten – insbesondere aus Österreich – auf, entweder für ein wirksames Verbot zu stimmen oder den Vorschlag abzulehnen.
Der Streit um das KWS-Patent ist mehr als ein Einzelfall. Er berührt grundlegende Fragen: Wem gehören genetische Ressourcen? Wie frei kann Pflanzenzüchtung künftig noch sein? Und welche Rolle spielen Patente in der Sicherung unserer Ernährungssysteme?
Die kommenden Abstimmungen könnten darüber entscheiden, in welche Richtung sich Europas Landwirtschaft entwickelt – hin zu stärkerer Kontrolle durch Patente oder zu einem offenen Zugang zu genetischen Ressourcen.