Hoffnungsfrohe Bilanz einer engagierten Kommunalpolitik
Von 2020 bis 2025 war der Transformationsforscher Prof. Dr. Uwe Schneidewind (Jg. 1966) Oberbürgermeister der Stadt Wuppertal. Seine Bilanz hat er im März 2026 ungeschminkt und hoffnungsfroh in dem Buch „Dienstschluss“ im Verlag Klaus Wagenbach (Berlin) veröffentlicht.
Die aktuelle 2. Auflage des Buches liegt seit April 2026 vor.
Es ist keine Abrechnung mit der Politik und den Politikern oder mit der Verwaltung, sondern eine nüchterne Analyse der Situation auf hoher See der kommunalen Ebene, in der auch „Inseln des Gelingens“ beschrieben werden.
Insgesamt ein aufschlussreiches und lesenswertes Buch, das die macht- und sachbezogenen Auseinandersetzungen mit der Kommunalpolitik enorm bereichert und das Schicksal eines „Neo- Bürgermeisters“ sehr gut charakterisiert.
Zum Inhalt
Das 160-seitige Buch enthält eine Einleitung, drei unterschiedlich lange inhaltliche Teile, einen Ausblick sowie Danksagung und Anmerkungen. Die nahezu 100 Quellenbelege (in den Anmer-kungen) stehen dem Wissenschaftler Schneidewind sehr gut zu Gesicht. Denn es geht um die komplexe „städtische Transformation“, um „Veränderungsprozesse in Städten“ und um die mit dem Fortschritt verbundenen Probleme, die auch sauber dokumentiert werden müssen.
Bedauerlicherweise fehlt in dem Buch ein Sach- und Personenregister, was die Bilanz weiter aufgewertet und es als Nachschlagewerk verbessert hätte.
Im umfangreichen ersten Teil (78 Seiten) geht es um das System der Kommunalpolitik, um Macht und um die lokalen Arbeitsabläufe in der Verwaltung. Hierbei wird Uwe Schneidewind als „Verwaltungschef“ (S. 27) mit seiner Fach-, Rechts- und Dienstaufsicht gegenüber der Verwaltung grundsätzlich und theoretisierend: Er analysiert ein „Systemversagen“ (S. 11), geht auf die „Normenfalle“ ein (S. 18 ff) und schildert den „desillusionierenden Alltag“ der Kommunalpolitik (S. 36 ff). Am Beispiel des „Verkehrsrechts“ (S. 23) macht er deutlich, dass der Oberbürgermeister (OB) kein Sheriff ist und die Verwaltung an strenge formaljuristische Vorgaben gebunden ist. Dies führt zur „lokalen Entmündigung“ und zur „Verwaltungsguerilla“ (S. 24) bzw. zu seiner diagnostizierten Unterscheidung von „Verwaltungspartisanen und Verwaltungsfatalisten“ (S. 25 f). Hier gesteht er erstmals eine „strukturelle Überforderung“ (S. 56) ein, weil es mit der Änderung der Kommunalverfassung Ende der 1990er Jahre der Posten eines Stadtdirektors in NRW, der die Verwaltung führt, nicht mehr gibt (S. 56 f).
Erwähnenswert ist, dass Uwe Schneidewind von einem „harten Job“ (S. 81) als OB spricht, selbst einige Fehler und Managementversagen eingesteht und sich „gelegentlich wie in einer Wasch-maschine im Schleudergang“ (S. 58) fühlte. Dies führte dazu, dass er nach 5 Jahren kein zweites Mal kandidierte, aber eine gut strukturierte Liste zu den „Zehnkämpfer-Qualitäten eines Oberbürgermeisters“ (S. 82) hinterließ.
Im zweiten Teil des Buches (45 Seiten) werden die „Inseln des Gelingens“ mit den positiven zivilgesellschaftlichen Elementen des Stadtwandels in Wuppertal beschrieben. Hieraus zieht er Hoffnungen auf „mehr Flexibilität und Ermessensspielraum“ (S. 103) für die Kommunalpolitik. Mit diesem zuversichtlichen und ganzheitlichen Blick auf die lokale Politik zeigt sich ein Vorgehen, wie man es von Uwe Schneidewind gewohnt ist und schätzt.
Im dritten und letzten Teil (15 Seiten) geht es um die „Perspektiven zur Weiterentwicklung der lokalen Demokratie“. Dabei fordert er eine „kommunale Staatsreform“ (S. 133) und eine proaktive „gemeinwohlorientierte Entwicklung“ (S. 145). Beides macht für ihn die Sache rund und führt zur neuen politischen Kultur, wie es auch im Ausblick (knapp 2 Seiten) angesprochen ist.
Fazit
Im Buch „Dienstschluss“ geht der ehemalige Oberbürgermeister Uwe Schneidewind analytisch, kritisch und problembewusst auf die Kommunalpolitik in Wuppertal ein. Seine Bilanz endet jedoch nicht dunkel, sondern so, wie man Goethes letzte Worte „Mehr Licht“ deuten kann. D.h. seine Zuversicht in die gute Praxis der Kommunalpolitik rekurriert sich aus der kreativen Kraft der Menschen vor Ort. Denn: „Ohne Störenfriede gibt es keine Veränderung, die die Städte so dringend brauchen.“ (S. 105).
Dennoch ist es ein versöhnliches Buch: Uwe Schneidewind macht damit Wuppertal fünf Jahre lang zum Dreh- und Angelpunkt seines Lebens. Dabei wird der anspruchsvolle Status eines OB kritisch angesprochen und die damit verbundenen Vor- und Nachteile sowohl politisch als auch persönlich werden überdeutlich.
Als Wissenschaftler hat Uwe Schneidewind viel Energie in die Reflexion zur Wirksamkeit einer guten Kommunalpolitik gesteckt und ist damit ein akademischer OB geblieben und kein intuitiver OB geworden. In Österreich spricht man von „Neo-Bürgermeister“, wenn von neuem Schwung auf kommunaler Ebene die Rede ist. Die neue schwungvolle Politik konnte der Neo-OB Uwe Schneidewind in Wuppertal leider nur begrenzt realisieren zumal die schwarz-grüne Koalition schon nach 2 Jahren zusammenbrach (S. 46) und er ein „demütiges Regieren“ (S. 55) praktizieren musste.
Trotz guter Ansätze im Bereich Nachhaltigkeit fällt auf, dass den ökologischen Themen und dem Naturschutz keine Reverenz auf kommunaler Ebene beigemessen wird. Auch die kommunalpoli-tischen Konflikte der Freiraum- und Landschaftsplanung sowie die Fragen des Flächenverbrauchs werden inhaltlich nicht erwähnt. Dieses Manko wiegt schwer, weil hier wachstumspolitische Änderungen dringend notwendig sind, um die planetaren Grenzen unseres Lebensraums nicht noch weiter zu gefährden (Stichwort: „Renaturierung“). Zukünftig müssen irreversible Naturschäden verhindert und Beeinträchtigungen des Naturkapitals voll ausgeglichen werden (hierzu aktuell: www.aktion-flaeche.de, die Online-Plattform des Difu, Berlin). Aber dazu hat Uwe Schneidewind mit seinen Fähigkeiten und Erfahrungen aus der Praxis in seiner neuen Position noch genug Spielraum. Seit 2026 ist er erster Fellow an der „School of Transformation and Sustainability (STS)“ an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt und mit der zielgerichteten Umsetzung von Nachhaltigkeitskriterien an der Schnittstelle von Wissenschaft und Gesellschaft befasst.
Insgesamt bietet das Buch einen seltenen Blick in den so wichtigen „Maschinenraum der Kommunalpolitik“ (S. 9). Für Kommunalpolitiker und Verwaltungsangestellte ist es eine Pflicht-lektüre, weil es eine „Aufklärung über heutige Lokalpolitik“ (S. 86) beinhaltet, so der Autor. Und es „soll allen Mut machen, die ihre Stadt aktiv mitgestalten wollen – ob in der Politik oder als Einzelakteur.“ (S. 10)!
Herausforderung Kommunalpolitik.
Berlin: Verlag Klaus Wagenbach, 2. Auflage, April 2026
ISBN 978-3-8031-3768-5 (20,00 €)
Autor: Uwe Schneidewind