Graz: Reininghaus als Modell für die Mobilität der Zukunft
Wie sieht die Mobilität der Zukunft aus? Im Grazer Stadtteil Reininghaus versucht man seit Jahren, darauf konkrete Antworten zu finden. Nun liefert eine umfangreiche Befragung unter Bewohner:innen und Beschäftigten erstmals detaillierte Einblicke, wie das Verkehrskonzept des neuen Stadtteils tatsächlich funktioniert – und wo noch Verbesserungsbedarf besteht.
Die Ergebnisse der Mobilitätsumfrage wurden am 7. Mai in der Tennenmälzerei präsentiert. Durchgeführt wurde die Erhebung von der verkehrplus ZT GmbH im Auftrag des gemeinnützigen und politisch unabhängigen Vereins Stadtteil Graz Reininghaus. Zwischen Ende Jänner und Ende März 2026 nahmen insgesamt 552 Personen teil – rund zehn Prozent der Bewohner:innen und Beschäftigten des Stadtteils. Für die Verantwortlichen ist das ein bemerkenswert hoher Wert.
„Die hohe Beteiligung zeigt nicht nur das große Interesse der Menschen, sondern auch, dass Stadtentwicklung ein laufender Transformationsprozess ist“, betonte Alexander Daum vom Verein Stadtteil Graz Reininghaus.
Reininghaus gilt als eines der größten Stadtentwicklungsgebiete Österreichs. Bereits 2010 wurde im Rahmenplan der Stadt Graz eine „eingeschränkte Auto-Mobilität“ als zentrales Ziel definiert – damals allerdings noch mit Skepsis hinsichtlich der praktischen Umsetzbarkeit.
Heute zeigt sich, wie konsequent diese Vision umgesetzt wurde: Oberirdische Parkplätze sind im Stadtteil kaum sichtbar, Autos verschwinden weitgehend in Tiefgaragen. Dadurch entsteht mehr öffentlicher Raum für Begegnung, Aufenthalt und sicheres Spielen. Ergänzt wird das Konzept durch Carsharing-Angebote in allen Quartieren.
Die aktuelle Befragung sollte nun zeigen, wie diese Maßnahmen von den Menschen wahrgenommen werden – und ob das Modell tatsächlich funktioniert.
Die Ergebnisse zeichnen ein deutliches Bild: Die Zufriedenheit mit dem Stadtteil ist hoch. 71 Prozent der Befragten gaben an, mit Reininghaus zufrieden zu sein, zwei Drittel bewerten das Konzept eines verkehrsberuhigten Stadtteils positiv.
Besonders auffällig ist das Mobilitätsverhalten. Zwar besitzen rund zwei Drittel der Befragten ein Auto, doch nur etwa ein Viertel nutzt dieses täglich. Stattdessen setzen viele Bewohner:innen flexibel auf unterschiedliche Verkehrsmittel.
84 Prozent gehen mindestens einmal pro Woche zu Fuß, 72 Prozent nutzen regelmäßig öffentliche Verkehrsmittel und 54 Prozent das Fahrrad. Damit erreicht das Fahrrad beinahe dieselbe Bedeutung wie das Auto. Auch Carsharing wird überwiegend positiv bewertet.
Für Arbeits- und Ausbildungswege dominieren umweltfreundliche Verkehrsmittel klar:
44 Prozent nutzen öffentliche Verkehrsmittel, 22 Prozent fahren mit dem Fahrrad und fünf Prozent gehen zu Fuß. Das Auto kommt lediglich auf 27 Prozent.
Besonders bemerkenswert ist die starke Nutzung des öffentlichen Verkehrs. Zwei Drittel der Befragten besitzen eine Zeitkarte, zusätzlich erhält jeder Haushalt beim Einzug ein Klimaticket.
„Das Zukunftsszenario eines verkehrsberuhigten Stadtteils hat die Erwartungen sogar übertroffen“, erklärte Birgit Leinich vom Verein Stadtteil Graz Reininghaus. Gleichzeitig befinde man sich weiterhin in einem laufenden Veränderungsprozess.
Wie stark sich urbane Mobilität in den vergangenen Jahren verändert hat, machte Verkehrsplaner Markus Frewein deutlich. Als Reininghaus geplant wurde, seien Lastenfahrräder in österreichischen Städten noch eine Seltenheit gewesen, E-Scooter praktisch nicht existent.
Heute stelle diese neue Vielfalt andere Anforderungen an die Infrastruktur – etwa breitere Radwege oder flexiblere Nutzungskonzepte. Mobilität sei insgesamt individueller und kombinierter geworden.
Die Umfrage dient nicht nur der Analyse, sondern bildet auch die Grundlage für konkrete nächste Schritte. Geplant ist unter anderem ein neues Orientierungssystem für Besucher:innen, insbesondere für kurzfristige Parkmöglichkeiten. Zudem soll die Esplanade künftig konsequent autofrei gestaltet werden.
Ein häufig genannter Kritikpunkt war unerlaubtes Befahren bestimmter Bereiche des Stadtteils. Viele Befragte wünschen sich hier strengere Kontrollen.
Darüber hinaus wird ein Informationsangebot für Neu-Zuziehende entwickelt. Ein Mobilitätsfolder soll ab Herbst alle wichtigen Informationen zu Parkmöglichkeiten, Öffi-Angeboten oder Serviceeinrichtungen bündeln.
Mittlerweile ist Reininghaus auch Gegenstand internationaler Forschung. Der Stadtteil dient als Fallstudie im Forschungsprojekt „SPARK – Sharing Parking and Rides Across Generations“ der TU Graz, gemeinsam mit Partnerstädten in Polen, Portugal und Südkorea.
Zusätzlich untersucht Regionalis gemeinsam mit der TU Wien unterschiedliche Mobilitätsmodelle in neuen Stadtquartieren. Die Erkenntnisse sollen künftig helfen, Verkehrsmanagement und Stadtplanung nachhaltiger zu gestalten.
Trotz der insgesamt positiven Bilanz zeigen die Ergebnisse auch bestehende Spannungsfelder. So sehen die Verantwortlichen eine deutliche Diskrepanz zwischen tatsächlicher Autonutzung und dem Wunsch nach Stellplätzen. Während mehr als die Hälfte der Befragten über einen Parkplatz verfügt, nutzt nur knapp ein Viertel das Auto täglich. Gleichzeitig verteuern Tiefgaragen den Wohnraum erheblich.
Für die Initiator:innen steht daher fest: Die Mobilität der Zukunft entsteht nicht durch starre Konzepte, sondern durch kontinuierliche Anpassung und Zusammenarbeit.
„Damit Mobilität gelingen kann, braucht es das Zusammenspiel von Bauträger:innen, Politik und Bewohner:innen“, so Daum. Reininghaus zeige bereits heute, wie ein urbaner Stadtteil funktionieren könne, in dem unterschiedliche Verkehrsmittel flexibel kombiniert werden – und der öffentliche Raum wieder stärker den Menschen gehört.