Frankreich: Quallen legen Europas größtes Atomkraftwerk lahm
Der Betreiber EDF musste deshalb am Montag die Reaktoren 2, 3 und 4 herunterfahren. Die Leistung des ersten Reaktors wurde zudem auf 50 Prozent reduziert. Nach Angaben von EDF besteht aktuell keine Gefahr für die Sicherheit der Anlage oder der Beschäftigten.
Wie viele Kernkraftwerke an Küsten nutzt Gravelines das Meerwasser zur Kühlung. Die Ansaugung großer Mengen Wasser macht die Anlage allerdings auch anfällig für Treibgut und Meerestiere. Wenn außergewöhnlich viele Quallen gleichzeitig in die Ansaugsysteme gelangen, führt dies zu Verstopfungen, die den Kühlwasserstrom beeinträchtigen.
Das Problem ist für Gravelines nicht neu. Bereits im vergangenen Sommer führte eine Quallenplage zur automatischen Abschaltung von vier Reaktoren. Die Wiederinbetriebnahme erfolgte anschließend schrittweise. Der letzte betroffene Block konnte im Vorjahr erst rund zehn Tage später wieder Strom ins französische Netz liefern.
Quallenschwärme sind an der nordfranzösischen Küste grundsätzlich ein saisonales Phänomen. Experten berichten, so mehrere französischen Medien, zunehmend von besonders großen Ansammlungen während der Sommermonate.
Als einen möglichen Faktor nennt die Wissenschaft die steigenden Temperaturen der Meere. Wärmere Ozeane können die Lebensbedingungen verschiedener Quallenarten verbessern und damit deren Verbreitung begünstigen. Allerdings spielen auch weitere Faktoren wie Nahrungsangebot, Strömungen und Veränderungen der marinen Ökosysteme eine Rolle.
Der Vorfall in Gravelines zeigt damit eine eher ungewöhnliche Seite der Klimaveränderungen: Selbst wenn ein Atomkraftwerk sicherheitstechnisch nicht gefährdet ist, und es genügend Wasser gibt, können Veränderungen und natürliche Extremereignisse die Verfügbarkeit der Stromproduktion beeinträchtigen. Für ein Land wie Frankreich, das stark auf Kernenergie setzt, können solche wetter- und umweltbedingten Einschränkungen insbesondere bei gleichzeitig hoher Stromnachfrage relevant werden. Bereits im Juni gingen mehrere französische Atomkraftwerke vom Netz, da das Wasser in den Kühlwasser spendenden Flüssen zu warm war und daher aus naturschutzrechtlichen Gründen keine weitere Erwärmung mehr erlaubt war.