Forschung zeigt: Energiewendeförderung muss soziale Ungleichheit mitdenken
Ein internationales Forschungsteam unter der Leitung von Hannah Hoehnke und Dr. Moritz Wussow vom Climate Action Research Lab (CARL) der Universität Freiburg sowie Dr. Chad Zanocco von der Stanford University legt neue Erkenntnisse zur sozialen Schieflage der Energiewende vor. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler analysierten systematisch bestehende Studien zu Förderprogrammen für grüne Technologien – mit einem klaren Ergebnis: Gerade einkommensschwache und benachteiligte Haushalte profitieren bislang deutlich zu wenig.
Drei Ebenen der Ungleichheit
Die Studie identifiziert Hindernisse auf drei zentralen Ebenen.
Auf individueller Ebene verhindern etwa sogenannte „Split-Incentives“ zwischen Mieterinnen und Vermietern Investitionen in Energieeffizienz. Gleichzeitig fehlt vielen Haushalten der Zugang zu Krediten, Informationen oder zu den passenden Förderprogrammen.
Auf gemeinschaftlicher Ebene erschweren mangelhafte Infrastruktur und gezielte Fehlinformationen – besonders in strukturschwachen Regionen – die Beteiligung an der Energiewende. Hinzu kommen institutionelle Hürden: Komplexe bürokratische Verfahren und historisch gewachsene Ungleichheiten schließen viele Menschen systematisch aus.
„Viele gut gemeinte Förderprogramme verschärfen bestehende Ungleichheiten, anstatt sie abzubauen“, erklärt Hoehnke. Steuererleichterungen etwa nützten jenen wenig, die gar keine Steuern zahlen. Gleichzeitig würden Netzkosten auf alle umgelegt – auch auf jene, die sich gar keine eigene Solaranlage leisten können. Aufwendige Antragsverfahren schrecken zusätzlich genau jene ab, die Unterstützung am dringendsten benötigen.
Vier Prinzipien für eine gerechtere Energiepolitik
Aus ihren Analysen leiten die Forschenden vier zentrale Handlungsempfehlungen ab:
Erstens müssten Förderprogramme gezielt an den tatsächlichen Barrieren benachteiligter Gruppen ansetzen – etwa durch einkommensabhängige oder regionale Modelle statt pauschaler Lösungen.
Zweitens sei unmittelbare finanzielle Entlastung entscheidend. Haushalte mit geringem Einkommen reagieren weit stärker auf direkte Zuschüsse oder Rabatte als auf spätere Steuererleichterungen.
Drittens gelte es, bürokratische Hürden deutlich zu reduzieren – etwa durch automatisierte Verfahren oder Unterstützung bei der Antragstellung durch Fachbetriebe.
Viertens brauche es eine stärkere Einbindung der lokalen Bevölkerung. Programme, die gemeinsam mit Bürgerinnen und Bürgern entwickelt werden, erzielen nachweislich gerechtere Ergebnisse.
Gemeinschaftsprojekte als Schlüssel
Neben der Reform bestehender Förderinstrumente sehen die Forschenden großes Potenzial in gemeinschaftsorientierten Ansätzen. Investitionen in Solaranlagen auf öffentlichen Gebäuden, Ladeinfrastruktur oder kommunale Energiegemeinschaften könnten nicht nur den Zugang erleichtern, sondern auch durch ihre Sichtbarkeit das Interesse an klimafreundlichen Technologien steigern.
Gerade in ländlichen Regionen könnten gemeinschaftliche Projekte strukturelle Hürden überwinden, die einzelne Haushalte allein nicht bewältigen können. „Gerechtigkeit und Klimaschutz sind keine konkurrierenden Ziele, sondern voneinander abhängig“, betont Hoehnke. „Ohne breite Beteiligung aller Einkommensgruppen werden wir unsere Klimaziele nicht erreichen.“
Neue Maßstäbe für den Erfolg
Die Studie fordert außerdem ein Umdenken bei der Bewertung von Förderprogrammen. Statt ausschließlich auf die Zahl installierter Anlagen zu schauen, sollten künftig auch soziale Kriterien eine Rolle spielen. Entscheidend sei, ob Programme tatsächlich Haushalte aller Einkommensgruppen erreichen und ob sie die Energiekosten für benachteiligte Menschen senken.
Nur wenn Effizienz und Gerechtigkeit gemeinsam gedacht werden, so das Fazit der Forschenden, kann die Energiewende langfristig erfolgreich sein.
Originaltitel der Publikation: Hoehnke, H., Wussow, M., Zanocco, C., Carley, S., Konisky, D. & Neumann, D. Strukturelle Barrieren und politische Wege für eine gerechte Energiewende. Nature Reviews Clean Technology (2026). DOI: 10.1038/s44359-026-00157-2