Flamanville-EPR: 350 Tage Stillstand für eine „Generalüberholung“
Flamanville - Der französische EPR in Flamanville ist nach seinem schwierigen Start erneut vom Netz. Seit dem 26. September 2026 läuft die erste umfassende Wartung des Reaktors. Die sogenannte „Visite complète n°1“ soll rund 350 Tage dauern. Dabei sind etwa 20.000 Wartungs- und Kontrollarbeiten vorgesehen, darunter die Inspektion des Reaktordruckbehälters und der Austausch des Reaktordeckels.
Der EPR war ursprünglich bereits für 2012 geplant, wurde aber erst Ende 2024 erstmals mit dem Stromnetz verbunden. Erst im Dezember 2025 erreichte der Reaktor seine volle Leistung. EDF bezeichnet die nun beginnende Wartung als regulären und wichtigen Schritt, um die Anlage für den langfristigen Betrieb vorzubereiten.
Wiederholte Unterbrechungen
Der Betrieb verlief allerdings nicht ohne Schwierigkeiten. Laut der französischen Anti-Atom-Organisation Sortir du nucléaire wurden seit dem Start 113 Sicherheits- und Umweltvorfälle sowie Abweichungen von Betriebsvorschriften gemeldet.
Mehrere Ereignisse führten zudem zu Abschaltungen. Im Jänner 2026 stand der Reaktor nach dem Sturm Goretti rund drei Wochen still. Im Juli wurde er erneut abgeschaltet. Bei Kontrollen waren damals Messwerte an Motopumpen des Primärkreislaufs außerhalb der vorgesehenen Bereiche festgestellt worden. Nach neun Tagen wurde der EPR am 25. Juli wieder angefahren.
EDF dokumentiert für Juli ebenfalls einen manuellen Reaktorstillstand im Zuge von Wartungsarbeiten. Dabei kam es zu einer Blockierung von Steuerstäben; der Reaktor wurde daraufhin entsprechend den vorgesehenen Verfahren abgeschaltet. EDF stufte das Ereignis auf INES-Stufe 0 ein und erklärte, es habe keine Folgen für Anlage oder Umwelt gehabt.
Nach Berechnung von Sortir du nucléaire erreichte Flamanville 3 seit Betriebsbeginn nur an 167 Tagen eine Leistung von mehr als 90 Prozent. Die Organisation stellt dies den Investitionskosten von rund 23,7 Milliarden Euro gegenüber. Diese Bewertung stammt allerdings von der Anti-Atom-Organisation und ist nicht die Darstellung des Betreibers EDF.
Reaktordeckel wird ausgetauscht
Besondere Aufmerksamkeit gilt dem Reaktordruckbehälter. Bereits während der Fertigung waren Probleme bei der Materialqualität bekannt geworden. Der Austausch des Deckels war deshalb bereits vor der nun laufenden Wartung vorgesehen.
EDF hatte den neuen Deckel bereits im Juni 2026 auf dem Gelände von Flamanville angekündigt. Im Rahmen der ersten umfassenden Inspektion wird er nun eingebaut. Zusätzlich werden unter anderem der Primärkreislauf hydraulisch geprüft, die Dichtheit des Sicherheitsbehälters getestet sowie Turbine und druckführende Komponenten inspiziert.
Hohe Kosten und lange Bauzeiten
Flamanville steht zugleich für die grundsätzliche Debatte über die Kosten und Bauzeiten der EPR-Technologie. Der Bau des Reaktors begann vor rund 20 Jahren. Die geplante Inbetriebnahme 2012 wurde um mehr als ein Jahrzehnt verfehlt.
Auch andere EPR-Projekte in Europa kämpfen mit Verzögerungen und steigenden Kosten. In Großbritannien wird der Bau von Hinkley Point C ebenfalls von erheblichen Kostensteigerungen und Terminverschiebungen begleitet.
Die französische Atomkraft-Debatte richtet sich inzwischen auch auf die geplanten EPR2-Reaktoren. Kritiker befürchten, dass sich die Erfahrungen von Flamanville bei den neuen Projekten wiederholen könnten. Für EDF hingegen ist Flamanville ein wichtiger Schritt beim Wiederaufbau industrieller Kompetenz im europäischen Reaktorbau.
Damit wird die rund einjährige Wartung in Flamanville zu einem wichtigen Test: Der EPR soll nach den umfangreichen Kontrollen nicht nur technisch überprüft, sondern auch für einen stabileren langfristigen Betrieb fit gemacht werden.