Experten warnen vor neuer globaler Ernährungskrise: „Wir müssen handeln, bevor die nächste Ernte scheitert“
Eine internationale Gruppe von Expertinnen und Experten des Club of Rome warnt vor einer drohenden weltweiten Ernährungskrise und fordert rasche, grundlegende Veränderungen in den globalen Agrar- und Ernährungssystemen.
Die vergangenen Jahre hätten gezeigt, wie verletzlich die weltweiten Lieferketten geworden sind – mit möglichen Folgen für Millionen Menschen und die Stabilität von Gesellschaften.
In einer gemeinsamen Erklärung verweisen die Fachleute auf eine Reihe sich überlagernder Krisen: die Covid-19-Pandemie, den Krieg in der Ukraine, Störungen wichtiger Handelsrouten wie der Straße von Hormus sowie die fortschreitende Klimakrise. Zusammen hätten diese Entwicklungen eine systemische Krise ausgelöst, die nicht durch einzelne Maßnahmen gelöst werden könne.
„Diese Schocks bilden eine systemische Krise, die nicht verstanden und schon gar nicht gelöst werden kann, wenn man nur einzelne Faktoren betrachtet“, heißt es in der Erklärung.
Die Expertengruppe fordert Gemeinden, nationale Regierungen, Parlamente und die UN-Generalversammlung auf, die drohende Ernährungskrise gezielt zum Thema zu machen und gemeinsame Maßnahmen einzuleiten.
Zu den zentralen Forderungen gehören:
- Frieden als Grundlage für Ernährungssicherheit: Die internationale Gemeinschaft müsse stärker gegen Konflikte vorgehen, die Hunger verschärfen. Besonders dramatisch sei die Situation im Sudan, wo mittlerweile rund 14 Millionen Menschen von Hunger bedroht sind.
- Vielfältigere und regionalere Lebensmittelproduktion: Kleinbäuerliche Betriebe sollen gestärkt werden, insbesondere Frauen in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen. Dazu gehören bessere Landrechte und mehr politische Beteiligung.
- Mehr Vielfalt auf den Tellern: Die globale Ernährung basiert derzeit stark auf wenigen Pflanzenarten. Vier Kulturen – Weizen, Reis, Mais und Soja – liefern rund 80 Prozent der weltweiten Kalorienversorgung. Dabei existieren weltweit etwa 7.000 essbare Pflanzenarten.
- Stärkung regionaler Handelsstrukturen: Lokale Märkte und Handelsbeziehungen zwischen Ländern des globalen Südens sollen die Abhängigkeit von schwankenden Weltmarktpreisen reduzieren.
- Unabhängigkeit von fossilen Energien: Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion müssen stärker auf erneuerbare Energien setzen.
- Umbau zu regenerativen Ernährungssystemen: Statt Böden und natürliche Ressourcen auszubeuten, sollen Produktionsweisen gefördert werden, die Böden aufbauen und Ökosysteme stärken.
Regenerative Landwirtschaft als Schlüssel
Die Unterzeichner sehen in regenerativer und agroökologischer Landwirtschaft einen wichtigen Lösungsansatz. Viele kleinbäuerliche Betriebe würden diese Methoden bereits erfolgreich einsetzen, etwa durch Humusaufbau, vielfältigere Fruchtfolgen und natürliche Bodenpflege.
Das Problem: Niedrige Preise für Agrarrohstoffe würden vielen Landwirtinnen und Landwirten kaum Spielraum lassen, in langfristige Bodenfruchtbarkeit und Widerstandsfähigkeit zu investieren.
Gleichzeitig kritisieren die Experten die milliardenschweren Förderungen für industrielle Landwirtschaft. Diese Subventionen würden laut Erklärung bestehende Strukturen festigen, anstatt den notwendigen Wandel zu unterstützen.
Hunter Lovins, Mitglied des Club of Rome und Präsidentin von Natural Capitalism Solutions, warnt vor einer Fehleinschätzung der Dringlichkeit:
„Dies ist keine Warnung vor einer fernen Zukunft. Es ist eine Warnung vor der Ernte des nächsten Jahres. Wir wissen, was funktioniert: Regenerative Landwirtschaft baut Böden, Wasserressourcen und Gemeinschaften wieder auf, die durch industrielle Landwirtschaft geschädigt wurden – und sie kann wirtschaftlich erfolgreich sein.“
Es fehle nicht an Lösungen, sondern am politischen Willen, rechtzeitig zu investieren, bevor die Krise eskaliert.
Besonders stark betroffen seien derzeit Länder mit niedrigem und mittlerem Einkommen. Doch die Folgen einer instabilen globalen Lebensmittelversorgung würden letztlich alle Menschen erreichen, die auf internationale Märkte angewiesen sind.
Die Expertengruppe sieht noch Handlungsspielraum: Mit gezielten Investitionen könnten Ernährungssysteme widerstandsfähiger gemacht werden. Wird jedoch weiter gezögert, könnten die Kosten der Krise deutlich höher ausfallen.
Die Botschaft der Erklärung ist eindeutig: Die Welt hat die Möglichkeit, ihre Ernährungssysteme jetzt grundlegend umzubauen – oder später von den Folgen eines weiter verschärften Systems überrascht zu werden.