Europas Wettbewerbsvorteil beginnt beim Menschen
Einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil sieht Jörg Spreitzer, Managing Partner von Great Place To Work Österreich, vielmehr im Umgang mit der wichtigsten Ressource eines Unternehmens: den Menschen.
Beim Europäischen Forum Alpbach diskutierte Spreitzer im Rahmen des Talent Forum von Great Place To Work unter dem Titel „Human Performance – How can organisations create environments where people and performance thrive together?“, wie Unternehmen Rahmenbedingungen schaffen können, in denen menschliches Potenzial und wirtschaftliche Performance gemeinsam wachsen.
Seine zentrale These: Technologie wird für viele Unternehmen verfügbar sein – menschliches Potenzial nicht automatisch.
„Technologie wird für alle verfügbar sein. Menschliches Potenzial nicht! Der entscheidende Unterschied entsteht dort, wo Unternehmen das Potenzial ihrer Menschen freisetzen. Vertrauen ist dafür die Grundlage und damit auch die Grundlage für nachhaltige wirtschaftliche Performance.“
Vertrauen ist ein Wirtschaftsfaktor
Great Place To Work untersucht seit mehr als 30 Jahren, welche Faktoren erfolgreiche Organisationen auszeichnen. Jährlich fließen dabei Erfahrungen von mehr als 20 Millionen Mitarbeitenden in über 170 Ländern ein. Über unterschiedliche Branchen, Hierarchien und Organisationsstrukturen hinweg zeigt sich laut Spreitzer ein wiederkehrendes Muster: Vertrauen ist ein zentraler Treiber von Leistung.
Denn Vertrauen verändert das Verhalten von Menschen. Mitarbeitende übernehmen eher Verantwortung, sprechen Probleme früher an, teilen Wissen, bringen Ideen ein und sind eher bereit, Neues auszuprobieren. Daraus können Innovation, Agilität, Geschwindigkeit und Produktivität entstehen.
Besonders deutlich zeigt sich der Unterschied bei der Leistungsbereitschaft: In Unternehmen mit hoher Vertrauenskultur geben rund 85 Prozent der Mitarbeitenden an, bereit zu sein, bei Bedarf zusätzliche Leistung zu erbringen. Im Durchschnitt sind es laut den von Spreitzer präsentierten Daten rund 56 Prozent. „Diese zusätzliche Leistung wird nicht gekauft. Sie wird nicht kontrolliert. Sie wird ermöglicht“, so Spreitzer.
Innovation braucht psychologische Sicherheit
Auch beim Thema Innovation plädiert Spreitzer für einen Perspektivwechsel. Innovation beginne nicht erst mit einer neuen Technologie. Sie entstehe dort, wo Menschen den Mut haben, eine noch unfertige Idee zu äußern, kritische Fragen zu stellen, Fehler einzugestehen oder einer Führungskraft zu widersprechen. Damit wird psychologische Sicherheit zu einem wichtigen Bestandteil einer innovationsfähigen Organisation.
Wo die Angst vor Fehlern oder negativen Konsequenzen dominiert, werden Ideen eher zurückgehalten. Wo Vertrauen vorhanden ist, können Mitarbeitende experimentieren, Wissen teilen und Verantwortung übernehmen. Spreitzer bringt es auf eine einfache Formel: „Innovation beginnt nicht mit Technologie. Innovation beginnt mit Menschen.“
Damit verändert sich auch die Perspektive auf Unternehmenskultur. Eine gute Kultur sei nicht bloß ein Nebenprodukt erfolgreicher Unternehmen. Sie könne vielmehr die Voraussetzung für erfolgreiches Verhalten und damit für bessere Ergebnisse sein. „Kultur ist nicht das Ergebnis. Kultur ist der Anfang.“
Führung schafft die Voraussetzungen
Eine Schlüsselrolle kommt dabei den Führungskräften zu. Vertrauen entsteht nicht automatisch, sondern wird durch tägliches Verhalten aufgebaut. Führung beeinflusst, ob Mitarbeitende Verantwortung übernehmen, Ideen äußern und Veränderungen aktiv mitgestalten.
Spreitzers Zusammenhang lässt sich in drei Schritten zusammenfassen:
Führung schafft Vertrauen.
Vertrauen schafft Verantwortung.
Verantwortung schafft Performance.
Gerade in einer Zeit, in der KI und Automatisierung viele Tätigkeiten verändern, gewinnt dieser Zusammenhang an Bedeutung. Unternehmen müssen ihre Beschäftigten nicht nur für den Umgang mit neuen Technologien qualifizieren. Sie müssen zugleich ein Umfeld schaffen, in dem diese Technologien tatsächlich sinnvoll eingesetzt werden können. Denn: Die beste Technologie bringt wenig, wenn Menschen ihre Möglichkeiten nicht nutzen können oder wollen.
Europas KI-Frage ist auch eine Frage der Unternehmenskultur
Damit stellt Spreitzer auch die europäische Wettbewerbsdebatte in einen größeren Zusammenhang. Europa diskutiert intensiv darüber, wie es bei künstlicher Intelligenz aufholen, produktiver werden und Talente gewinnen kann.
Doch hinter diesen Fragen stehe eine noch grundlegendere:
Wie schaffen wir Organisationen, in denen Menschen ihr Potenzial entfalten können?
Denn genau dort entstehen nach Spreitzers Überzeugung Innovation, Leistungsfähigkeit, Wachstum und Fortschritt.
Das betrifft auch den Umgang mit jüngeren Generationen. Junge Menschen seien keineswegs grundsätzlich weniger leistungsbereit. Sie wollten lernen, Verantwortung übernehmen und sich weiterentwickeln. Gleichzeitig stellten sie stärker die Frage, unter welchen Bedingungen Leistung möglich ist. Erfolg solle nicht zwangsläufig auf Kosten von Gesundheit, persönlicher Identität oder Lebensqualität gehen.
Der Wettbewerb um menschliches Potenzial
Damit rückt eine Ressource ins Zentrum, die Unternehmen nicht einfach einkaufen können: menschliches Potenzial. Spreitzer formuliert deshalb eine provokante Zukunftsthese: „Vielleicht wird in zehn Jahren nicht entscheidend sein, welche Organisation die beste KI besitzt. Sondern welche Organisation Menschen am schnellsten lernen lässt, welche Organisation Menschen Verantwortung übernehmen lässt und welche Organisation Menschen mutig macht.“
Die Konsequenz ist für ihn klar: Menschen und wirtschaftliche Performance sind keine Gegensätze. Im Gegenteil. Unternehmen, die Vertrauen schaffen, Verantwortung ermöglichen und psychologische Sicherheit fördern, schaffen bessere Voraussetzungen dafür, dass ihre Mitarbeitenden ihr Potenzial entfalten.
Und genau darin könnte Europas eigentlicher Wettbewerbsvorteil liegen: Nicht allein in der Technologie, sondern in der Fähigkeit, Menschen mit Technologie erfolgreich zu machen.