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Europäischer Atomkongress der IPPNW

29.07.2004

Atomwaffen und Atomenergie in einer instabilen Welt – Analysen und Auswege

Mit ihrem Europäischen Kongress "Atomwaffen und Atomenergie in einer instabilen Welt – Analysen und Auswege" vom 7.–9. Mai 2004 in Berlin hat die IPPNW ihre beiden Kernthemen in den Vordergrund gerückt: Abrüsten – Abschalten. Motto und Forderung des letzten IPPNW–Atomkongresses von 1991 waren aus aktuellen Anlässen auch im Jahre 2004 Dreh– und Angelpunkt der Berichte, Analysen und Diskussionen. Neu war im Jahre 2004 die intensive Auseinandersetzung mit den Hintergründen der Atompolitik und die Frage, warum die von der Bevölkerung gewünschte Abkehr von der atomaren Fessel so schwer durchzusetzen ist.
Die drei parallelen Vortragsstränge und insgesamt zwölf Workshops boten den über 600 Besuchern ein breites Informations und Diskussionsangebot. Rund 40 ReferentInnen aus 12 Ländern sorgten mit ihren zum Teil desillusionierenden, zum Teil Optimismus verbreitenden Berichten und Analysen für hinreichenden Input.
Es war zu hören, der Kongress sei eine gelungene Mischung aus konzentriertem Zuhören, Diskutieren und Entspannen gewesen. Man traf sich wieder, fand alte und neue Freunde auch aus anderen Organisationen und erlebte die verbindende Kraft der Musik.
Die ReferentInnen aus Übersee warnten übereinstimmend vor der neuen Verteidigungsstrategie der USA mit ihrem Anspruch, notfalls auch mit Atomwaffen die imperiale Vorherrschaft durchzusetzen. Die "Interessen hinter der Bombe" von Rüstungsindustrie, Ölindustrie und Kapitalinteressen wurden artikuliert. Atomwaffen und Atomenergie für den Weltraum sind konkrete Zukunftspläne der USA. Was nützt ein Atomwaffensperrvertrag, der nur die diskriminierende Politik der offiziellen Atommächte stützt? Welche Auswirkungen für Deutschland hat die "nukleare Teilhabe" der NATO? Was taugt die internationale Atomenergiebehörde in ihrer fatalen Doppelrolle als Kontrolleur von Atomwaffen und Förderer der Atomenergie?
Es wurde über die möglichen gesundheitlichen Folgen der DU–Munition, die im Irak in den beiden letzten Golfkriegen eingesetzt wurden, berichtet. Auch hierbei wird deutlich, dass die zivile und die militärische Nutzung zwei Seiten einer Medaille sind.
ReferentInnen aus Osteuropa warnten vor einem bevorstehenden "Nuklearhandel" mit Russland, um dort westlichen Atommüll billig zu deponieren, sowie vor einer möglichen Renaissance der Atomenergie in Zentraleuropa. Die von Atomkraftwerken und militärischen Forschungszentren ausgehende Niedrigstrahlung wird weiterhin verharmlost und die Aufklärung über die Ursachen von Kinderkrebs und Leukämien aktiv verhindert. Bezogen auf Deutschland war der verpasste Atomausstieg Gegenstand einer intensiven Analyse.
Ob China in Zukunft auf atomare oder regenerative Energien setzt, wird erhebliche Auswirkungen auf unsere Welt haben. Es wurde aufgezeigt, wer Regie in der Atompolitik führt, und welche Optionen Forschung und Atomindustrie künftig verfolgen. Die atomfreundliche Energiepolitik der EU wurde artikuliert und Wege zu ihrer Beeinflussung beschrieben. Die Gefahr von Terroranschlägen auf Nuklearanlagen ergibt zwingend die Abschaltung von AKWs und einen Baustop der Zwischenlager.
Wenn die meisten Menschen keine Kriege und schon gar keine Atomwaffen wollen, wenn eine Bevölkerungsmehrheit Atomkraftwerke als zu gefährlich ablehnt, ergibt sich die Frage nach den Hintergründen, die eine Änderung der Politik verhindern.
Auf dem Kongress war reichlich Gelegenheit mit Vertretern aus Medien, Politik und Ökonomie darüber zu diskutieren. Hierbei kamen Interessenskonflikte, Abhängigkeiten, Strukturen und Propaganda zur Sprache, die äußerst interessant, aber auch erschreckend sind. Es wird notwendig sein, diese politischen, ökonomischen und medialen Hintergründe zu durchschauen und in die künftige Antiatomarbeit mit einzubeziehen.

Und die Auswege?

Hermann Scheer stellte fest, der schlimmste Satz, der in den Führungsetagen von Politik und Wirtschaft immer wieder verkündet wird, heißt: "Es gibt keine Alternative". Das sei der Versuch, der Gesellschaft das eigene Nachdenken auszureden und zu sagen, nehmt es doch einfach hin, es hat doch sowieso keinen Zweck. Er lieferte dann einen anspruchsvollen Entwurf für eine Welt ohne Abhängigkeit von atomaren und fossilen Energieträgern, die keine Utopie, sondern durchgerechnete Zukunft ist.
Es war eine der Gemeinsamkeiten in den Reden aller "Promis" dass sie nicht nur die Gefahren analysierten, sondern begründet in ihrer eigenen Biographie – in eindrucksvoller und aufrüttelnder Weise Hoffnung vermitteln konnten. Das Borchert– Antikriegszitat von Eugen Drewermann in der Pazifismusdiskussion "Wenn Ihr nicht NEIN sagt, wird alles wiederkommen„ ergänzte Horst Eberhard Richter mit: "Jetzt gilt es, gemeinsam zu beweisen, dass Moral auch eine Macht ist, sofern man für sie gemeinsam kämpft„.
Bleibt zum Schluss des Kongresses als wesentliche Aufgabe das Wissen um die Probleme in der Welt ist ja vorhanden. Das Problem ist nur, wie bekommen wir dieses Wissen vom Kopf in die Füße, damit sich was ändert?
Quelle: IPPNW–Deutschland, Jürgen Hölzinger & Henrik Paulitz
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29.07.2004 | Autor*in: litschauer
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