„Europa, sei treu für unser gemeinsames Zuhause“: Mehr als 130 Glaubensgemeinschaften fordern Kurswechsel in der Klimapolitik
Mit einem eindringlichen Appell an die Europäische Union haben sich mehr als 130 Glaubensgemeinschaften und kirchliche Organisationen aus 20 EU-Mitgliedstaaten an die politischen Entscheidungsträger in Brüssel gewandt. Unter dem Motto „Europa, sei treu für unser gemeinsames Zuhause“ fordern sie einen beschleunigten Ausstieg aus fossilen Brennstoffen, eine stärkere Besteuerung der Gewinne von Öl- und Gaskonzernen sowie deutlich höhere Investitionen in erneuerbare Energien und soziale Gerechtigkeit.
Die Erklärung wurde am 20. Mai 2026 zum Auftakt der Laudato-Si'-Woche veröffentlicht und markiert zugleich den offiziellen Start der Kampagne „Europa, sei treu“. Initiiert wurde sie von der Laudato-Si'-Bewegung, die sich für die Umsetzung der ökologischen und sozialen Anliegen der Umweltenzyklika Laudato si’ von Papst Franziskus einsetzt.
Die Unterzeichner zeigen sich besorgt über die aktuelle Entwicklung der europäischen Klimapolitik. Ihrer Ansicht nach droht die EU, ihre bisherige Rolle als internationale Vorreiterin im Kampf gegen die Klimakrise aufzugeben. Insbesondere kritisieren sie politische Maßnahmen, die unter dem Schlagwort der „Vereinfachung“ bestehende Umwelt- und Sozialstandards abschwächen.
Als Beispiele nennen sie Verzögerungen bei Klimaverpflichtungen, eine anhaltende Abhängigkeit von fossilen Energieträgern, die Abschwächung von Sorgfaltspflichten für Unternehmen sowie den Abbau sozialer und ökologischer Schutzmaßnahmen. Die Glaubensgemeinschaften warnen davor, dass wirtschaftliche Interessen zunehmend Vorrang vor dem Schutz von Mensch und Umwelt erhalten.
Ausgehend vom christlichen Auftrag, die Schöpfung zu bewahren und besonders die Schwächsten zu schützen, richten die Unterzeichner vier konkrete Forderungen an die Europäische Union:
1. Verbindlicher Ausstieg aus fossilen Brennstoffen
Die EU soll einen klaren Zeitplan für das Ende fossiler Energieträger vorlegen: Kohle bis 2030, Gas bis 2035 und Öl bis 2040. Gleichzeitig verlangen die Organisationen ein sofortiges Verbot neuer Förderprojekte sowie das Ende von Genehmigungen für zusätzliche fossile Infrastruktur.
2. Besteuerung von Übergewinnen und Ende fossiler Subventionen
Die außergewöhnlich hohen Gewinne von Öl- und Gaskonzernen sollen dauerhaft besteuert werden. Die Einnahmen sollen direkt in die Energiewende fließen und Haushalte unterstützen, die besonders unter steigenden Energiekosten leiden. Zudem fordern die Unterzeichner ein Ende staatlicher Förderungen für fossile Energien.
3. Massive Investitionen in erneuerbare Energien
Erneuerbare Energien, Energieeffizienz und Elektrifizierung müssten deutlich stärker ausgebaut werden. Ziel sei eine nachhaltige Energieversorgung, die Europa unabhängiger macht und gleichzeitig Ressourcen schont. Auch die Förderung einer Kreislaufwirtschaft wird als wichtiger Baustein genannt.
4. Soziale Gerechtigkeit im EU-Haushalt
Der nächste mehrjährige Finanzrahmen der Europäischen Union, über den die Mitgliedstaaten bis Ende 2027 verhandeln werden, müsse den Bedürfnissen der Menschen Vorrang geben. Insbesondere Haushalte, die Schwierigkeiten haben, ihre Energierechnungen zu bezahlen, sollten stärker unterstützt werden als Unternehmen, die hohe Gewinne erzielen.
Die Erklärung erscheint zu einem politisch bedeutenden Zeitpunkt. In der zweiten Jahreshälfte 2026 übernimmt Irland die EU-Ratspräsidentschaft. Gleichzeitig laufen die Vorbereitungen für eine internationale Konferenz zum Ausstieg aus fossilen Brennstoffen, die Anfang 2027 gemeinsam von Irland und dem pazifischen Inselstaat Tuvalu ausgerichtet werden soll.
Unterstützt wird der Appell auch durch jüngste Stellungnahmen von Bischöfen aus dem Globalen Süden, die einen gerechten Übergang weg von fossilen Energieträgern fordern. Zudem verweisen die Initiatoren auf die Worte von Papst Leo XIV., der dazu aufgerufen hat, „keinen Raum für Gleichgültigkeit oder Resignation“ zu lassen.
„Europa muss mit gutem Beispiel vorangehen“, betont Josianne Gauthier, Generalsekretärin des internationalen katholischen Netzwerks CIDSE. Der Ausstieg aus fossilen Brennstoffen müsse gerecht gestaltet, ausreichend finanziert und an den Menschenrechten orientiert sein. Niemand dürfe auf dem Weg in eine klimafreundliche Zukunft zurückgelassen werden.
Zu den Unterzeichnern der Erklärung gehören Bischofskonferenzen, Ordensgemeinschaften, kirchliche Hilfswerke, Umwelt- und Sozialorganisationen sowie zahlreiche christliche Bewegungen und Gemeinschaften aus ganz Europa. Gemeinsam setzen sie ein deutliches Zeichen dafür, dass die Klimakrise nicht nur eine ökologische und wirtschaftliche, sondern auch eine ethische und soziale Herausforderung ist.
Mit ihrem Appell wollen sie die Europäische Union daran erinnern, dass Klimaschutz, soziale Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung untrennbar miteinander verbunden sind – und dass Europa seiner Verantwortung in einer zunehmend unsicheren Welt gerecht werden muss.