Ernährungssysteme müssen dringend weltweit reformiert werden, um drohende Landkrise abzuwenden
21 führende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler fordern in einem in der Fachzeitschrift Nature veröffentlichten Beitrag einen radikalen Wandel der globalen Ernährungssysteme. Ziel ist es, Landdegradierung zu stoppen und umzukehren – eine zentrale Voraussetzung, um Klimawandel und Artenverlust einzudämmen.
Die Forschenden schlagen vor, bis 2050 50 % der weltweit degradierten Flächen wiederherzustellen, die Lebensmittelverschwendung um 75 % zu reduzieren und das Potenzial nachhaltiger, ozeanbasierter Nahrungsmittel umfassend zu nutzen. Allein diese Maßnahmen könnten eine Landfläche freisetzen, die größer ist als Afrika.
„Durch die Transformation der Ernährungssysteme, die Wiederherstellung degradierter Flächen, die Nutzung nachhaltiger Meeresressourcen und internationale Zusammenarbeit können wir die Kurve der Landdegradierung umkehren“, sagt Hauptautor Fernando T. Maestre von der King Abdullah University of Science and Technology (KAUST).
Der Beitrag betont, dass Ernährungssysteme bislang weder ausreichend in internationale Abkommen integriert sind noch in Strategien gegen Landdegradierung genügend Beachtung finden. Ohne rasche Reformen drohen weitreichende Folgen: Verlust der Bodenfruchtbarkeit, sinkende Grundwasserspiegel, Rückgang der Artenvielfalt – und damit steigende Kosten für die Wiederherstellung.
UNCCD-Chefwissenschaftler Barron J. Orr warnt: „Landdegradierung betrifft nicht nur ländliche Regionen – sie gefährdet die Nahrung auf unseren Tellern, die Luft, die wir atmen, und die Stabilität unserer Gesellschaft.“
50 % der degradierten Flächen bis 2050 wiederherstellen
Nachhaltige Bewirtschaftung von 13 Millionen km² Land
Einbeziehung lokaler Gemeinschaften, insbesondere indigener Gruppen, Kleinbäuerinnen und -bauern sowie benachteiligter Bevölkerungsgruppen
Umlenkung von Agrarsubventionen hin zu nachhaltigen Kleinbetrieben
Einführung von Umweltsteuern und -abgaben sowie klarer Kennzeichnung von Lebensmitteln
Lebensmittelverschwendung um 75 % senken
Jährlich geht ein Drittel der produzierten Lebensmittel verloren oder wird weggeworfen
Politische Maßnahmen gegen Überproduktion und Verschwendung
Förderung von Spenden, „unperfektem“ Obst und Gemüse sowie Bildungsinitiativen
Beispiel Spanien: Pflicht zur Abgabe überschüssiger Lebensmittel und Mitnahmeoptionen in Restaurants
Land- und Meeresnahrungssysteme verbinden
Reduzierung des Konsums von nicht nachhaltig produziertem rotem Fleisch um 70 %
Ersetzung durch nachhaltig gefangene oder gezüchtete Fische, Muscheln und Meeresalgen
Meeresalgen benötigen kein Süßwasser, binden CO₂ und können Ackerfläche ersetzen
Die Umsetzung dieser Maßnahmen könnte jährlich rund 13 Gigatonnen CO₂-Äquivalente einsparen, Lebensräume schützen und den Druck auf noch unberührte Ökosysteme reduzieren. Sie würden zudem helfen, die Ziele der drei Rio-Konventionen – Klimaschutz, Biodiversität und Bekämpfung der Wüstenbildung – sowie der UN-Nachhaltigkeitsziele zu erreichen.
Co-Autorin Elisabeth Huber-Sannwald mahnt: „Land ist mehr als Boden – es ist Lebensraum, Wasserspeicher, Kohlenstoffspeicher und kulturelles Erbe. Wir müssen lernen, es zu hüten, nicht auszubeuten.“
33 % aller Lebensmittel weltweit werden verschwendet
80 % der globalen Entwaldung entstehen durch Nahrungsmittelproduktion
70 % des Süßwasserverbrauchs gehen auf die Landwirtschaft zurück
608 Millionen Farmen weltweit – 90 % kleiner als 2 Hektar
Potenziell 17,5 Mio. km² Landersparnis durch Umstellung auf die vorgeschlagene „Rio+“-Ernährung
Die Forschenden appellieren an Regierungen, internationale Organisationen und die Zivilgesellschaft, Ernährungssysteme endlich ins Zentrum der Land- und Klimapolitik zu rücken – bevor die verbleibende Zeit verstreicht.
Autoren der Sudie:
- Fernando T. Maestre – King Abdullah University of Science and Technology, Saudi Arabia (Lead author)
- Emilio Guirado – King Abdullah University of Science and Technology, Saudi Arabia
- Dolors Armenteras – Universidad Nacional de Colombia, Bogotá, Colombia
- Hylke E. Beck – King Abdullah University of Science and Technology, Saudi Arabia
- Mashael bint Saud AlShalan – Aeon Collective, Riyadh, Saudi Arabia
- Noura bint Turki Al-Saud – Aeon Collective, Riyadh, Saudi Arabia
- Ralph Chami – Blue Green Future LLC, Washington D.C., USA
- Bojie Fu – Key Laboratory of Regional and Urban Ecology, Chinese Academy of Sciences & University of Chinese Academy of Sciences, Beijing, China
- Helene Gichenje – Independent Consultant, Nairobi, Kenya
- Elisabeth Huber-Sannwald – Instituto Potosino de Investigación Científica y Tecnológica, San Luis Potosí, Mexico
- Chinwe Ifejika Speranza – Institute of Geography, University of Bern, Switzerland
- Jaime Martínez-Valderrama – Estación Experimental de Zonas Áridas, CSIC, Almería, Spain
- Matthew F. McCabe – King Abdullah University of Science and Technology, Saudi Arabia
- Barron J. Orr – United Nations Convention to Combat Desertification, Bonn, Germany
- Ting Tang – King Abdullah University of Science and Technology, Saudi Arabia
- Graciela Metternicht – Western Sydney University, Australia
- Michael Miess – King Abdullah University of Science and Technology, Saudi Arabia
- James F. Reynolds – Nicholas School of the Environment and Department of Biology, Duke University, USA
- Lindsay C. Stringer – University of York, UK
- Yoshihide Wada – King Abdullah University of Science and Technology, Saudi Arabia
- Carlos M. Duarte – King Abdullah University of Science and Technology, Saudi Arabia