Energie-Schock aus dem Nahen Osten: Europas gefährliche Gasabhängigkeit ist wieder voll sichtbar
Gaspreise schießen nach geopolitischer Eskalation in die Höhe
Die jüngste Eskalation des Konflikts im Nahen Osten hat die globalen Energiemärkte unmittelbar erschüttert. Militärische Angriffe der USA und Israels auf den Iran führten dazu, dass der Iran die Straße von Hormus – einen der wichtigsten Energie-Engpässe der Welt – faktisch schloss. Rund 20 % der weltweiten Öl- und Flüssiggaslieferungen (LNG) passieren jährlich diese Meerenge.
Gleichzeitig griff der Iran Nachbarstaaten wie Katar an. In der Folge wurde die große LNG-Anlage Ras Laffan, die etwa ein Fünftel der weltweiten LNG-Produktion bereitstellt, geschlossen. Diese Ereignisse führten zu einem raschen Anstieg der internationalen Energiepreise.
Die europäischen Gaspreise reagierten sofort. Der maßgebliche europäische Gaspreisindex (TTF) stieg in der ersten Woche der Krise Anfang März auf durchschnittlich 45 Euro pro Megawattstunde – fast 50 % mehr als vor Beginn des Konflikts.
Für die Europäische Union bedeutet der Preissprung vor allem höhere Importkosten. Schon in den ersten zehn Tagen der Krise mussten europäische Staaten rund 2,5 Milliarden Euro mehr für fossile Brennstoffe bezahlen als noch vor der Eskalation, wie EMBER Energy in seiner neuesten Analyse aufzeigt.
Die Entwicklung erinnert an die Energiekrise nach der russischen Invasion in der Ukraine. Damals stiegen die Importkosten für fossile Energien in der EU von 313 Milliarden Euro im Jahr 2021 auf 693 Milliarden Euro im Jahr 2022. Insgesamt verursachten die stark gestiegenen Preise der damaligen Krise fast eine Billion Euro zusätzliche Importkosten.
Der aktuelle Gaspreissprung wirkt sich unmittelbar auf die Stromerzeugung aus. Innerhalb von nur zehn Tagen sind die Kosten für Strom aus Gaskraftwerken in Europa um mehr als 50 % gestiegen.
Dabei zeigt sich deutlich: Der Gaspreis beeinflusst die Strompreise deutlich stärker als der CO₂-Preis im europäischen Emissionshandelssystem. Bei den aktuellen Gaspreisen machen die CO₂-Kosten höchstens 10 % der gesamten Stromrechnung eines EU-Haushalts aus – weniger als der durchschnittliche Mehrwertsteuersatz auf Strom.
Die Ember Analyse zeigt: Wie stark die Strompreise steigen, hängt stark davon ab, wie viel Gas ein Land für die Stromproduktion nutzt.
Das europäische Strommarktsystem basiert auf dem sogenannten Grenzkostenprinzip: Die teuerste zur Deckung der Nachfrage benötigte Stromquelle bestimmt den Marktpreis. Häufig ist dies Gas – wodurch Strompreise eng mit Gaspreisen gekoppelt sind.
Doch nicht überall in Europa ist dieser Zusammenhang gleich stark.
Italien: Gas beeinflusste dort bisher 89 % der Stunden im Jahr 2026 den Strompreis.
Spanien: Hier lag der Anteil bei nur 15 %.
Länder mit geringerer Gasabhängigkeit sind daher deutlich besser gegen Preisschocks geschützt. Spanien, Portugal, Frankreich und die nordischen Staaten verzeichnen derzeit weit geringere Auswirkungen auf ihre Strompreise als stark gasabhängige Märkte wie Deutschland, Italien oder Belgien.
Mehr erneuerbare Energien als Schutzschild
Einige Länder haben ihre Abhängigkeit vom Gas bereits reduziert. Besonders der Ausbau von Solarenergie, Windkraft, Batteriespeichern und flexibler Stromnachfrage hilft, den Einfluss von Gas auf die Strompreise zu verringern.
In Spanien etwa liegen die durchschnittlichen Strompreise weiterhin unter den Kosten von Gaskraftwerken und damit deutlich niedriger als in vielen anderen europäischen Ländern.
Reformdebatte um den Strommarkt
Der aktuelle Preisschock hat erneut eine Debatte über das europäische Strommarktdesign ausgelöst. Industrieverbände kritisieren den CO₂-Preis, während einzelne Regierungen – etwa in Italien – eine vorübergehende Aussetzung des Emissionshandels fordern.
Energieanalysten warnen jedoch vor vorschnellen Eingriffen. Die großen Reformen des EU-Strommarktes wurden erst 2024 beschlossen und sind vielerorts noch nicht vollständig umgesetzt. Neue Änderungen könnten Investitionen in saubere Energien ausbremsen und zusätzliche Unsicherheit schaffen.
Zudem würde eine Abschaffung der CO₂-Kosten die Strompreise kaum spürbar senken, da diese nur einen relativ kleinen Teil der Gesamtstromrechnung ausmachen.
Die aktuelle Krise zeigt erneut, dass Europas größte Verwundbarkeit nicht im Strommarktsystem liegt – sondern in der Abhängigkeit von fossilem Gas.
Langfristig sehen Energieanalysten daher nur eine wirksame Strategie gegen zukünftige Preisschocks:
mehr erneuerbare Energie, stärkere Elektrifizierung und flexible Stromsysteme.
Je schneller Europa diesen Umbau vorantreibt, desto besser kann es sich gegen geopolitische Krisen und volatile Energiepreise schützen.