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Eine Milliarde Euro Dürreschaden: Österreichs Landwirtschaft erlebt ein Jahr der Extreme

11.08.2026

Rekordhitze, massiv weniger Niederschläge und dramatische Ernteausfälle: Die Dürre trifft heuer sämtliche Regionen und zahlreiche Kulturen. Klimaforscher sieht menschengemachten Klimawandel als zentralen Treiber der zunehmenden Wetterextreme.

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Dürreschäden bei Mais © ÖHV

Wien - Österreichs Landwirtschaft steht vor einer historischen Schadensbilanz: Die anhaltende Dürre verursacht heuer Schäden von rund einer Milliarde Euro. Dazu kommen weitere 80 Millionen Euro durch Frost, Hagel, Sturm und Überschwemmungen. Ausbleibender Regen, eine Serie von Hitzewellen und Temperaturen von mehr als 40 Grad setzen den landwirtschaftlichen Kulturen massiv zu.
 

„Ausbleibende Niederschläge und eine Hitzewelle nach der anderen mit einem Temperaturrekord von 41,2 °C in Bad Deutsch-Altenburg kennzeichnen das bisherige Dürrejahr“, sagt Dr. Kurt Weinberger, Vorstandsvorsitzender der Österreichischen Hagelversicherung. Die Folgen seien massive Ernteeinbußen und zunehmende Futterknappheit für die Tierhaltung.
 

Besonders dramatisch ist die Niederschlagsbilanz: In manchen Regionen Österreichs fiel seit dem 15. Juni mehr als 75 Prozent weniger Niederschlag als im zehnjährigen Mittel der Jahre 2016 bis 2025.
 

Gleichzeitig jagt ein Hitzerekord den nächsten. In Wien, Innere Stadt, wurden bis zum 10. August bereits 42 Hitzetage, also Tage mit mehr als 30 Grad Celsius, registriert. Zum Vergleich: In den 1980er-Jahren waren es dort durchschnittlich neun Hitzetage.
 

Am 5. August wurde in Bad Deutsch-Altenburg in Niederösterreich mit 41,2 °C zudem ein außergewöhnlicher Temperaturwert erreicht.
 

 

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Prof. Dr. Anders Levermann, Leiter der Abteilung Komplexitätsforschung des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung und Dr. Kurt Weinberger, Vorstandsvorsitzender der Österreichischen Hagelversicherung © ÖHV

Dürre wird vom Ausnahmefall zum wiederkehrenden Risiko

Die Auswirkungen sind in praktisch allen Teilen Österreichs zu spüren. Besonders betroffen sind Grünland, Mais, Kartoffeln, Zuckerrüben, Kürbisse und Soja. Regional leiden auch Getreidebestände unter den extremen Bedingungen.
 

Für Weinberger zeigt die Entwicklung eine grundlegende Veränderung der landwirtschaftlichen Risikolage: „Traten früher Dürreschäden alle zehn Jahre auf, sind wir mittlerweile alle zwei bis drei Jahre mit großen Schäden konfrontiert – heuer mit einem traurigen Rekord.“
 

Damit werde deutlich, wie stark die Landwirtschaft vom Klimawandel betroffen sei. Rund 80 Prozent des landwirtschaftlichen Ertrags hängen unmittelbar vom Wetter ab. Für viele Betriebe geht es deshalb längst nicht mehr nur um schwankende Ernten, sondern um die wirtschaftliche Existenz.
 

Klimaforscher: „Wir müssen jetzt handeln“

Beim gemeinsamen Pressegespräch der Österreichischen Hagelversicherung mit Prof. Dr. Anders Levermann, Leiter der Abteilung Komplexitätsforschung am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, stand deshalb nicht nur die aktuelle Dürre im Mittelpunkt, sondern auch die langfristige Entwicklung.
 

Für Levermann sind die wissenschaftlichen Grundlagen eindeutig: Der Klimawandel ist menschengemacht. Gleichzeitig warnt der Klimaforscher davor, die Dynamik des Klimasystems zu unterschätzen.
 

Das Klimasystem reagiere nicht linear. Wetterextreme nähmen deutlich zu, gleichzeitig könnten kritische Schwellenwerte erreicht werden. Einige dieser Schwellen seien bereits überschritten. Die Folgen würden sich jedoch nicht zwangsläufig unmittelbar zeigen. Prozesse wie das Abschmelzen von Gletschern oder das Auftauen von Permafrost könnten sich über Jahrzehnte hinziehen.
 

Für die kommenden Generationen bedeute das eine Phase zunehmender Instabilität – mit mehr Wetterextremen und stärkeren Schwankungen.

„Daher müssen wir jetzt handeln und nicht erst, wenn weitere Kipppunkte überschritten sind“, betont Levermann. Klimaschutz sei dabei nicht ausschließlich eine ökologische Frage. Es gehe unmittelbar um Lebensmittelversorgungssicherheit, Wettbewerbsfähigkeit und geopolitische Unabhängigkeit.
 

Die wirtschaftlichen Folgen des Nichthandelns seien enorm. Die Kosten einer konsequenten Transformation seien deutlich geringer als jene, die durch die Folgen des Klimawandels entstehen könnten.
 

Versicherung als Sicherheitsnetz für die Landwirtschaft

Angesichts der zunehmenden Schäden gewinnt auch die Absicherung landwirtschaftlicher Betriebe an Bedeutung. Nach Angaben der Österreichischen Hagelversicherung sind derzeit 80 Prozent der Ackerflächen und 40 Prozent der Grünlandflächen gegen Dürre versichert.

Für versicherte Betriebe bedeutet das im Schadensfall einen Rechtsanspruch auf Entschädigung.
 

„Die aktuelle Situation zeigt uns auf, dass nur mit einer Absicherung durch eine Dürreversicherung derartige Großschäden abgedeckt werden“, sagt Weinberger. Die Hagelversicherung verweist dabei auf ihre breite Risikostreuung, Rückversicherung, internationale Aktivitäten und den Einsatz moderner Technologien wie Satellitendaten bei der Schadenserhebung.
 

Gleichzeitig brauche es nach Ansicht Weinbergers ein umfassendes Public-Private-Partnership-Modell, damit landwirtschaftliche Versicherungen auch bei weiter steigenden Klimarisiken wirksam und für die Betriebe leistbar bleiben.
 

Dürre bedroht auch Österreichs Lebensmittelversorgung

Die Folgen der aktuellen Ernteausfälle reichen laut Hagelversicherung weit über die einzelnen Betriebe hinaus. Sinkende Erträge könnten den österreichischen Selbstversorgungsgrad bei wichtigen Lebensmitteln weiter reduzieren.
 

Bereits heute liegt dieser nach den von der Hagelversicherung genannten Zahlen bei 87 Prozent bei Getreide, 83 Prozent bei Mais, 78 Prozent bei Kartoffeln, 55 Prozent bei Gemüse und lediglich 26 Prozent bei pflanzlichen Ölen.
 

Klimabedingte Ernteausfälle treffen damit auf einen weiteren Faktor: den fortschreitenden Bodenverbrauch und die Verbauung landwirtschaftlich nutzbarer Flächen.
 

„Lebensmittelversorgung ist daher ein Sicherheitsthema“, warnt Weinberger. Österreich könnte künftig noch stärker von Importen abhängig werden, wenn Ernteausfälle durch Extremwetter und der Verlust landwirtschaftlicher Böden gleichzeitig zunehmen.
 

Hitzewellen werden länger

Auch die Entwicklung der Hitzewellen liefert ein deutliches Signal. Während Hitzewellen in den Jahrzehnten von den 1940er- bis zu den 1980er-Jahren durchschnittlich etwa ein bis acht Tage dauerten, liegt ihre Dauer in den 2010er- und 2020er-Jahren laut den präsentierten Daten bei etwa fünf bis 25 Tagen.

Damit sind Hitzewellen nicht nur häufiger, sondern auch deutlich länger geworden.

Für die Landwirtschaft bedeutet das eine zunehmende Belastung: Hohe Temperaturen erhöhen den Wasserbedarf der Pflanzen, während gleichzeitig weniger Niederschlag zur Verfügung steht. Die Kombination aus Hitze und Trockenheit verschärft damit die Auswirkungen auf Erträge und Tierhaltung.
 

„Nichtstun kommt uns sehr teuer“

Für Weinberger ist das Rekordjahr 2026 deshalb ein deutliches Warnsignal. Neben der Absicherung gegen unvermeidbare Risiken brauche es mehr Klima- und Bodenschutz.
 

„Nichtstun kommt uns sehr teuer, wie wir im heurigen Jahr sehen“, so der Vorstandsvorsitzende der Österreichischen Hagelversicherung.
 

Die aktuellen Schäden zeigen nach seiner Einschätzung, dass Klimaschutz längst auch eine wirtschaftliche Notwendigkeit ist. Es gehe um die Vermeidung von Schäden und Milliardenkosten, aber ebenso um die langfristige Sicherung der landwirtschaftlichen Produktion, der Lebensmittelversorgung und der Lebensräume.
 

Österreichs Landwirtschaft steht damit vor einer neuen Realität: Was früher als außergewöhnliches Dürrejahr galt, droht zunehmend zum wiederkehrenden Risiko zu werden. Das Jahr 2026 könnte dabei nicht nur wegen der Rekordtemperaturen, sondern vor allem wegen der Schadenssumme von einer Milliarde Euro als Wendepunkt in Erinnerung bleiben.

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Hitzetage in Wien mit Stichtag 10. August © ÖHV
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Niederschlagsdefizit seit 15. Juni © ÖHV
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