E-Auto-Laden: ÖAMTC fordert Ende des Roaming-Tarifdschungels
Wien - Wer sein Elektroauto öffentlich lädt, weiß oft erst nach Beginn des Ladevorgangs, was die Ladung tatsächlich kostet. Der ÖAMTC kritisiert die mangelnde Preistransparenz und erhebliche Unterschiede zwischen den Tarifen verschiedener Ladeanbiete und fordert deshalb eine Art „Roaming-Regulierung“ für das öffentliche Laden, ähnlich wie sie aus dem Mobilfunk bekannt ist.
Das Problem: Roaming beim Laden findet nicht nur auf Auslandsreisen statt. Weil öffentliche Ladepunkte von zahlreichen unterschiedlichen Betreibern stammen, ist es auch innerhalb Österreichs alltäglich, mit der eigenen Ladekarte ein fremdes Ladenetz zu nutzen.
„Seit April 2024 gilt in der EU die Alternative Fuels Infrastructure Regulation, kurz AFIR. Darin ist festgelegt, dass Preise an öffentlichen Ladepunkten einfach, transparent, vergleichbar und diskriminierungsfrei sein müssen. Die Praxis sieht allerdings anders aus“, kritisiert ÖAMTC-Direktor Ernst Kloboucnik.
Besonders problematisch ist laut ÖAMTC, dass an vielen Ladestationen keine klar erkennbarne Preisauszeichnungen wie an einer Tankstelle vorhanden sind. Wer mit einer Ladekarte oder App lädt, erfährt den tatsächlich verrechneten Preis häufig erst nach der Auswahl des jeweiligen Tarifs.
Noch größer können die Unterschiede bei der Wahl des Ladeanbieters sein. Für ein und dieselbe Ladesäule können je nach verwendeter Ladekarte völlig unterschiedliche Preise gelten.
Eine vom ÖAMTC beauftragte Untersuchung von Arthur D. Little zeigt das Ausmaß. Dafür wurden die Ladepreise von 18 großen österreichischen Ladeanbietern analysiert, jeweils für Standard-, Schnell- und Ultraschnellladen sowie für verschiedene Zahlungs- und Roamingmodelle.
Das Ergebnis: In 90 Prozent der untersuchten Fälle mussten Nutzer eines Fremdnetzes mehr bezahlen als Kundinnen und Kunden des jeweiligen Ladebetreibers. Der maximale Aufschlag lag bei 118 Prozent!
In zwei Dritteln der untersuchten Fälle war jedoch die direkte Zahlung per Kreditkarte günstiger als das Standardangebot für konkurrierende Ladekartenanbieter.
Für E-Auto-Fahrerinnen und -Fahrer kann das schnell teuer werden. Nach Angaben des ÖAMTC-Ladekompasses können die Preise für öffentliches Laden um bis zu knapp 70 Cent pro Kilowattstunde auseinanderliegen. Das entspricht einem Preisunterschied von bis zu 142 Prozent gegenüber dem günstigsten Tarif.
Damit wird aus dem eigentlich einfachen Vorgang - Auto anstecken und Strom laden - eine Suche nach dem günstigsten Anbieter.
„All dies führt dazu, dass selbst erfahrene E-Autofahrer:innen vor dem Start des Ladevorgangs oft nicht einschätzen können, was sie unterm Strich bezahlen werden. Und das nicht nur beim Laden im Ausland, sondern auch am heimischen Markt“, sagt Kloboucnik.
Aus Sicht des ÖAMTC ist das nicht nur ein Ärgernis für bestehende E-Auto-Besitzer. Intransparente und schwer vergleichbare Preise können auch den weiteren Hochlauf der Elektromobilität bremsen.
Technisch ist das Laden über verschiedene Anbieter längst möglich. Genau darin liegt aber ein weiteres Problem: Wer möglichst günstig laden möchte, benötigt zunehmend mehrere Ladekarten oder Apps und muss vor dem Laden Preise vergleichen.
Das widerspricht aus Sicht des ÖAMTC dem Ziel eines einfach nutzbaren europäischen Ladeinfrastrukturnetzes.
Der Club fordert daher von der EU-Kommission, bei der geplanten Überarbeitung der AFIR zunächst systematisch zu untersuchen, ob die in Österreich festgestellten Wettbewerbs- und Transparenzprobleme auch in anderen europäischen Ländern auftreten.
Anschließend brauche es aus Sicht des ÖAMTC strengere Regeln, die eine Benachteiligung konkurrierender Anbieter verhindern und die Preistransparenz für Konsumentinnen und Konsumenten verbessern.
Ein weiterer Kritikpunkt betrifft die Durchsetzung der bestehenden Regeln. Österreich und andere EU-Mitgliedstaaten brauchen laut ÖAMTC Stellen, die die Einhaltung der AFIR wirksam kontrollieren und bei Verstößen eingreifen können.
„Technisch funktioniert das Laden über verschiedene Anbieter längst. Jetzt braucht es klare Spielregeln für transparente Preise und faire Bedingungen“, so Kloboucnik.
Sollte die Überarbeitung der AFIR nicht zu ausreichenden Verbesserungen führen, bringt der ÖAMTC sogar einen stärkeren Markteingriff ins Spiel: konkrete Grenzen für Aufschläge oder Höchstpreise für Endkundinnen und Endkunden, ähnlich dem Vorgehen bei der europäischen Mobilfunk-Roaming-Regulierung.
Die Studie von Arthur D. Little weist allerdings auch auf eine wichtige Einschränkung hin: Die unterschiedlichen Preise allein sind noch kein Beweis für eine rechtswidrige Diskriminierung.
Die AFIR erlaubt grundsätzlich Preisdifferenzierungen, sofern diese verhältnismäßig und objektiv gerechtfertigt sind. Die von der Studie festgestellten Unterschiede seien daher zunächst als Anhaltspunkte für eine vertiefte Prüfung durch Wettbewerbs- und Regulierungsbehörden zu verstehen.
Für den ÖAMTC steht dennoch fest: Das öffentliche Laden muss für Konsumentinnen und Konsumenten einfacher und transparenter werden.
Denn während Autofahrerinnen und Autofahrer beim Tanken den Preis pro Liter unmittelbar an der Zapfsäule sehen, kann beim E-Auto dieselbe Ladesäule je nach Karte, App oder Zahlungsart einen völlig anderen Preis haben. Für den weiteren Erfolg der Elektromobilität braucht es deshalb nicht nur mehr Ladepunkte – sondern auch faire und nachvollziehbare Preise beim öffentlichen Laden.