Dunkelflaute als Mythos?
Hamburg - Sie gilt vielen als Achillesferse der Energiewende: Die "Dunkelflaute", längere Phasen ohne nennenswerte Stromerzeugung aus Wind- und Solaranlagen. Eine aktuelle Analyse des Clean-Energy-Unternehmens 1KOMMA5° zu den Daten in Deutschland zeichnet jedoch ein deutlich nüchterneres Bild und widerspricht der These, dass Dunkelflauten mit dem Ausbau erneuerbarer Energien zunehmen.
Auf Basis von rund einer Million Datenpunkten zur Wind- und Solarstromerzeugung zwischen 2016 und 2025 zeigt die Untersuchung: In den vergangenen zehn Jahren kam es in Deutschland im Durchschnitt lediglich zu etwa drei Dunkelflauten pro Jahr, die länger als 48 Stunden dauerten. Von einer Häufung kann keine Rede sein. Das Maximum wurde 2021 mit fünf Ereignissen erreicht, 2025 waren es vier.
Der Begriff Dunkelflaute ist dabei nicht eindeutig definiert. In der Analyse von 1KOMMA5° bezeichnet er Zeiträume, in denen Wind- und Solarenergie zusammen höchstens zehn Prozent ihrer Nennleistung erbringen - über mindestens zwei Tage hinweg. Solche Situationen treten zwar regelmäßig auf, bleiben jedoch selten und zeitlich begrenzt.
„Trotz des massiven Ausbaus erneuerbarer Energien sind Dunkelflauten in den vergangenen zehn Jahren nicht häufiger geworden“, sagt Jannik Schall, Mitgründer und Produktchef von 1KOMMA5°. Versorgungslücken würden in diesen Phasen durch ein Zusammenspiel aus Reservekraftwerken, Stromspeichern und europäischem Stromhandel ausgeglichen. Das Stromsystem sei damit deutlich robuster, als es in der öffentlichen Debatte oft dargestellt werde.
Negative Strompreise nehmen stark zu
Während Dunkelflauten also kontinuierlich selten bleiben, hat sich ein anderes Phänomen stark verstärkt: negative Strompreise. Sie entstehen dann, wenn das Angebot an Strom - vor allem aus Wind- und Solaranlagen - die Nachfrage übersteigt. Im Jahr 2016 gab es an der Leipziger Strombörse lediglich 97 Stunden mit negativen Preisen. 2025 waren es bereits 573 Stunden – fast sechsmal so viele!
„Negative Strompreise zeigen das enorme Potenzial erneuerbarer Energien für günstigen Strom“, sagt Schall. Das eigentliche Problem liege nicht im Überangebot selbst, sondern darin, dass eine schwankende Stromerzeugung auf ein bislang zu starres Netz und unzureichende Speicher treffe. Die Folge seien hohe Ausgleichskosten, etwa durch das kurzfristige Hochfahren fossiler Kraftwerke, die letztlich von allen Verbraucherinnen und Verbrauchern getragen würden.
Ein genauer Blick auf das Jahr 2025 bestätigt diesen Befund. Selbst kürzere Dunkelflauten mit einer Dauer von mindestens 24 Stunden blieben die Ausnahme: Insgesamt traten lediglich sieben solcher Phasen auf, ausschließlich in den Wintermonaten. Die längste Dunkelflaute wurde im Februar gemessen und dauerte rund 89 Stunden. Zusammengenommen machten alle Dunkelflauten des Jahres lediglich 407 Stunden aus.
Demgegenüber stehen mehr als 1.000 Stunden, in denen Strom an der Börse für einen Cent oder weniger pro Kilowattstunde gehandelt wurde. Allein im Juni 2025 waren es fast 200 Stunden mit extrem niedrigen Preisen – vor allem dank hoher Solarstromerzeugung. Der Einfluss von Wind und Sonne auf den Strompreis ist damit unübersehbar: Während der Dunkelflauten lag der Börsenstrompreis zeitweise bis zu 73 Prozent höher als in den Phasen dazwischen.
Flexible Nutzung statt Angstdebatte
Aus Sicht von 1KOMMA5° liegt der Schlüssel nicht in der Beschwörung von Versorgungslücken, sondern in der intelligenten Nutzung der Preissignale. „Verbraucherinnen und Verbraucher können von günstigen oder sogar negativen Börsenstrompreisen direkt profitieren“, sagt Schall. Dynamische Stromtarife, Batteriespeicher und eine intelligente Steuerung ermöglichten es, Strom gezielt dann zu nutzen oder zu speichern, wenn er besonders günstig ist - und teure Phasen wie Dunkelflauten zu umgehen.
Das senke nicht nur die individuelle Stromrechnung um mehrere Hundert Euro pro Jahr, sondern entlaste zugleich das gesamte Energiesystem. Die Analyse legt damit nahe: Nicht die Dunkelflaute ist das zentrale Problem der Energiewende – sondern die Geschwindigkeit, mit der Netze, Speicher und flexible Verbrauchsmodelle ausgebaut werden.
Datenquellen: Fraunhofer ISE (energy-charts.info), Bundesnetzagentur / SMARD.de; Abruf: 11.12.2025
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