Dürre setzt Österreichs Landwirtschaft unter Druck: Futter wird knapp, Wasser wird zur Mangelware
Die österreichische Landwirtschaft steht vor einer der schwersten Dürreperioden der vergangenen Jahrzehnte. Seit Wochen fehlen vielerorts die Niederschläge, während hohe Temperaturen die Verdunstung weiter antreiben. Die Folgen sind auf Feldern und Wiesen unmittelbar sichtbar: Grünlandflächen vertrocknen, Erträge brechen ein und bei viehhaltenden Betrieben werden die Futterreserven knapp.
Nach Angaben der Österreichischen Hagelversicherung haben die Schäden in der Landwirtschaft mittlerweile ein historisches Ausmaß von rund eine Milliarde Euro erreicht. Betroffen sind sämtliche landwirtschaftlichen Kulturen und Regionen, wenn auch in unterschiedlicher Stärke.
Futterreserven reichen vielerorts nicht mehr
Besonders schwierig ist die Lage für Betriebe mit Viehhaltung. Auf zahlreichen Grünlandflächen konnte nach dem ersten Schnitt kaum noch Futter eingebracht werden. Teilweise fehlen bis zu 50 Prozent der üblichen Erträge.
Wie dramatisch die Situation sein kann, zeigt das Beispiel eines Milchviehbetriebs im niederösterreichischen Traisen. Dort mussten bereits beim ersten Grünschnitt im Frühjahr Ernteausfälle von bis zu 50 Prozent verkraftet werden. Seit Juni konnte kein weiterer Schnitt eingebracht werden. Die eigentlich für den Winter vorgesehenen Futterreserven werden deshalb bereits jetzt verfüttert.
Für den betroffenen Betrieb bedeutet das zusätzliche Kosten von mehreren zehntausend Euro. Futter muss zugekauft werden, teilweise werden sogar Maisflächen aus der Umgebung erworben. Gleichzeitig bleibt die Frage offen, wie die Tiere über den kommenden Winter gebracht werden können.
In besonders betroffenen Regionen kann die Situation dazu führen, dass Tierbestände reduziert oder Tiere vorzeitig geschlachtet werden müssen. Die Landwirtschaftskammer Salzburg warnt zudem vor einer zunehmenden Futterknappheit und fordert Erleichterungen, damit noch vorhandene Futterquellen genutzt werden können.
Auch Wasser wird zum Problem
Nicht nur die Futtersituation verschärft sich. In Salzburg berichten Betriebe zunehmend von ausgetrockneten Grünlandflächen und versiegenden Hausbrunnen. Bei akuter Trinkwasserknappheit können sich Landwirte an ihre Gemeinden wenden - aber das Wasser muss transportiert werden.
Die österreichische hydrologische Situation gibt aktuell wenig Anlass zur Entwarnung. Im Juli fiel im österreichweiten Durchschnitt weniger als die Hälfte des üblichen Monatsniederschlags. Nördlich des Alpenhauptkamms wurden regional sogar weniger als ein Viertel der normalen Niederschlagsmenge registriert. Auch im August setzt sich das Niederschlagsdefizit in vielen Regionen fort.
Eine grundlegende Entspannung ist nach den derzeitigen Prognosen nicht in Sicht. Der Hydrologe Günter Blöschl von der TU Wien geht davon aus, dass sich das bestehende Wasserdefizit bei anhaltend fehlendem Niederschlag weiter vergrößern wird. Die hohen Temperaturen halten gleichzeitig die Verdunstung auf einem hohen Niveau.
Die Trinkwasserversorgung in Österreich gilt derzeit dennoch noch als gesichert. Für Landwirtschaft und Landschaft wird die Wasserknappheit allerdings zunehmend zu einem strukturellen Problem.
Regierung kündigt weitere Hilfen an
Landwirtschaftsminister Norbert Totschnig hat angesichts der Entwicklung einen Runden Tisch mit Vertretern der Landwirtschaft, Verwaltung und Wissenschaft einberufen. Im Mittelpunkt standen die aktuelle Schadens- und Versorgungslage sowie mögliche kurz-, mittel- und langfristige Maßnahmen.
Kurzfristig soll vor allem die Liquidität der Betriebe gesichert werden. Im Gespräch sind unter anderem Zinszuschüsse für Betriebsmittelkredite und Entlastungen bei den Sozialversicherungsbeiträgen. Das Landwirtschaftsministerium führt dazu Gespräche mit dem Finanzministerium.
Gleichzeitig soll das österreichische System der landwirtschaftlichen Risikovorsorge weiter gestärkt werden. Rund 60 Prozent der landwirtschaftlichen Flächen sind derzeit versichert. Im Ackerbau liegt der Anteil bei etwa 80 Prozent, im Grünland hingegen nur bei rund 40 Prozent.
Bund und Länder übernehmen gemeinsam 55 Prozent der Versicherungsprämien. Gerade bei Grünlandbetrieben sehen die Vertreter der Landwirtschaft noch erhebliches Potenzial, die Versicherungsabdeckung zu erhöhen.
Salzburg fordert Sonderregelungen
Für die besonders betroffenen Salzburger Betriebe hat die Landwirtschaftskammer ein eigenes Maßnahmenpaket zusammengestellt. Gefordert werden unter anderem Erleichterungen bei der Neuanlage von Grünland sowie Ausnahmeregelungen für Betriebe, bei denen wegen der Trockenheit ein vorzeitiger Almabtrieb notwendig wird.
Auch Naturschutzflächen sollen heuer nach Möglichkeit für die Futtergewinnung genutzt werden können. Ziel ist, in der akuten Situation möglichst viel verfügbares Futter für die Tierhaltung zu sichern.
Damit geht es nicht nur um die wirtschaftliche Situation einzelner Höfe. Die Landwirtschaftskammer sieht auch die Versorgungssicherheit mit heimischen Lebensmitteln gefährdet, sollte sich die Situation weiter verschärfen.
Ernteausfälle auch im Ackerbau
Die Dürre trifft längst nicht nur das Grünland. Auch im Ackerbau werden deutliche Ertragseinbußen erwartet. Bei Getreide wird österreichweit mit einer Ernte gerechnet, die im Durchschnitt rund 20 Prozent unter dem Vorjahresniveau liegt.
Bei Mais, Soja, Kürbis und Erdäpfeln, deren Ernte teilweise erst im Herbst ansteht, zeichnen sich ebenfalls Verluste ab. Gleichzeitig steigen die Kosten für die Betriebe. Auf sinkende Erträge und Einnahmen treffen höhere Ausgaben für Betriebsmittel, Energie und zusätzlich benötigtes Futter.
Damit geraten viele Familienbetriebe doppelt unter Druck: Die Einnahmen sinken, während die Kosten steigen.
Streit um Klimaschutzgesetz nimmt an Fahrt auf
Die Dürre hat inzwischen auch die politische Debatte über den Klimaschutz neu entfacht. Landwirtschaftsminister Totschnig betont, dass neben der akuten Unterstützung der Betriebe auch Klimaschutz und Klimawandelanpassung weiter vorangetrieben werden müssten.
Die NEOS fordern unterdessen rasch ein verbindliches Klimaschutzgesetz. Klima- und Umweltsprecher Michael Bernhard argumentiert, Österreich brauche ein Rahmengesetz, das Klimaschutz, Klimawandelanpassung und Kreislaufwirtschaft verbindlich verankert und über einzelne Legislaturperioden hinaus Bestand hat.
Auch die Grünen sehen die aktuelle Dürre als Beleg dafür, dass Klimawandelanpassung nicht länger aufgeschoben werden könne. Landwirtschaftssprecherin Olga Voglauer fordert rasche und unbürokratische Hilfen für betroffene Betriebe und verweist gleichzeitig auf langfristige Maßnahmen wie Wasserrückhalt in der Landschaft, gesunde Böden und eine vielfältigere Bewirtschaftung.
Die Umweltschutzorganisation GLOBAL 2000 geht noch weiter und wirft Totschnig vor, die Verantwortung für die politische Blockade eines Klimaschutzgesetzes abzuschieben. Die Organisation fordert unter anderem, das Ziel der Klimaneutralität 2040 verbindlich festzuschreiben und klimaschädliche Subventionen abzubauen.
Anpassung wird zur Überlebensfrage
Unabhängig von den politischen Auseinandersetzungen zeigt die Dürre, dass sich die Landwirtschaft auf häufigere und intensivere Wetterextreme einstellen muss.
Im Rahmen des österreichischen Agrarumweltprogramms ÖPUL nehmen bereits rund 80 Prozent der Betriebe freiwillig an Maßnahmen teil, die unter anderem gesunde Böden, Wasserrückhalt, Begrünungen und nachhaltige Bewirtschaftung fördern. Die Verantwortlichen aus Landwirtschaft und Politik sehen darin wichtige Instrumente, betonen aber zugleich, dass selbst bestehende Anpassungsmaßnahmen bei einer Trockenheit dieses Ausmaßes an ihre Grenzen stoßen.
Künftig wird es daher nicht nur darum gehen, Schäden nach einer Dürre auszugleichen. Böden sollen mehr Wasser speichern können, Niederschlag soll länger in der Landschaft gehalten werden und die landwirtschaftliche Produktion muss widerstandsfähiger gegenüber Hitze und Trockenheit werden.
Auch der Umgang mit der Ressource Wasser wird wichtiger. Die Grünen Wien fordern deshalb etwa ein Wasserentnahmeregister, das transparent machen soll, wo, wie viel und wofür Wasser entnommen wird.
Kurzfristige Hilfe - langfristige Antworten
Noch ist die Lebensmittelversorgung in Österreich gesichert. Doch die aktuelle Entwicklung macht deutlich, wie verletzlich die heimische Landwirtschaft gegenüber extremen Wetterlagen geworden ist.
Für die kommenden Wochen steht daher zunächst die Existenzsicherung der betroffenen Betriebe im Vordergrund. Liquiditätshilfen, zusätzliche Futtermittel und Erleichterungen bei bestehenden Förder- und Versicherungsregelungen sollen verhindern, dass die Dürre für einzelne Höfe zur Existenzbedrohung wird.
Langfristig wird die entscheidende Frage jedoch lauten, wie Landwirtschaft, Wasserwirtschaft und Klimapolitik auf eine Zukunft mit häufigeren Hitze- und Trockenperioden vorbereitet werden.
Die Dürre des Jahres 2026 ist damit nicht nur eine außergewöhnliche Belastungsprobe für Österreichs Bauern. Sie ist auch ein Warnsignal dafür, dass Wasser, Boden und Klima zunehmend zu den entscheidenden Faktoren für die Sicherheit der Lebensmittelproduktion werden. Der Klimawandel ist auch in Österreich Realität, wie die aktuelle Lage zeigt.