Demokratie im Stresstest: Fake News, Extremismus und Korruption bedrohen westliche Demokratien
Die Demokratie gerät ins Wanken. Eine aktuelle internationale Umfrage im Rahmen des Ipsos KnowledgePanel offenbart ein düsteres Bild demokratischer Zufriedenheit in Europa und den USA.
In neun untersuchten Ländern, von Kroatien bis Schweden, von Frankreich bis in die USA, äußern große Teile der Bevölkerung tiefe Unzufriedenheit mit dem Funktionieren ihrer politischen Systeme und Sorgen um die Zukunft demokratischer Strukturen.
Die Ergebnisse sind eindeutig: In sechs der neun Länder ist die Mehrheit unzufrieden mit der Funktionsweise der Demokratie. Besonders dramatisch: Frankreich, wo nur 19 Prozent zufrieden sind und die Werte weiter sinken. Ähnlich düster ist das Bild in Kroatien (18 %), den USA (20 %), Italien (26 %), Großbritannien (26 %) und Spanien (27 %).
Gemischter fällt die Bilanz in den Niederlanden und Polen aus, wenngleich auch dort die Zustimmung zuletzt deutlich abgenommen hat. Einzig Schweden sticht als Lichtblick hervor: 65 Prozent der Bevölkerung sind mit ihrer Demokratie zufrieden.
Die Mehrheit der Befragten in fast allen Ländern ist überzeugt, dass sich die Qualität der Demokratie in den letzten fünf Jahren verschlechtert hat. Besonders verbreitet ist dieser Eindruck in Frankreich (81 %) und den Niederlanden (76 %). Polen bildet eine Ausnahme: Dort sehen mehr Menschen eine Verbesserung als eine Verschlechterung – ein Effekt der jüngsten Präsidentschaftswahlen mit hoher Beteiligung.
In keinem Land fühlt sich eine Mehrheit von der nationalen Regierung gut vertreten. Besonders gering ist das Vertrauen in Kroatien und Großbritannien (je 23 %). Kommunen und Gemeinderäte schneiden hingegen besser ab: In den Niederlanden und Frankreich fühlen sich rund zwei Drittel von lokalen Entscheidungsträgern gut vertreten.
Die Zukunftsangst ist greifbar: In allen Ländern außer Schweden sorgt sich eine deutliche Mehrheit über die demokratische Entwicklung der kommenden fünf Jahre. Spitzenreiter der Besorgten sind Frankreich (86 %) und Spanien (80 %). Mehr Vertrauen genießen in manchen Ländern internationale Institutionen wie EU und NATO – jedoch nur in Schweden und Polen.
Trotz aller Kritik bleibt die Demokratie als Prinzip hoch geschätzt. In acht der neun Länder sehen große Mehrheiten sie als unverzichtbar an. Eine Ausnahme bildet Kroatien: Dort knüpfen 51 Prozent die Unterstützung für Demokratie an den Erfolg, tatsächliche Lebensqualität zu bieten.
Die Studie zeigt deutlich, welche Faktoren die Demokratie in den Augen der Menschen schwächen:
Fake News und Desinformation gelten in Nordeuropa, Frankreich und Großbritannien als größte Gefahr.
Korruption dominiert in den USA und im Süden Europas – Spanien (73 %), Kroatien (80 %), Italien (47 %).
Mangelnde Rechenschaftspflicht und politischer Extremismus werden überall als starke Bedrohungen wahrgenommen.
In den Niederlanden ist vor allem die zunehmende Polarisierung ein ernstes Problem.
Auf die Frage, wie Demokratie geschützt und gestärkt werden kann, nennt die Mehrheit der Befragten:
Strengere Anti-Korruptionsgesetze und konsequente Durchsetzung
Stärkung der unabhängigen Justiz
Bessere Regulierung sozialer Medien
Mehr politische Bildung
Diese Forderungen sind in Ländern wie Kroatien, Polen und Spanien besonders stark ausgeprägt.
In vielen Ländern wächst der Ruf nach tiefgreifenden Reformen. Eine Mehrheit in Kroatien, Frankreich, Italien, Polen, Großbritannien und Spanien sieht das politische und wirtschaftliche System als zugunsten der Eliten verzerrt. Dennoch bleibt die Unterstützung für demokratische Grundprinzipien stabil:
Konsensorientierte Politik wird autoritären Alleingängen klar vorgezogen.
In allen Ländern glauben die meisten weiterhin an die Wirksamkeit von Wahlen.
Die Ipsos-Studie zeigt eine westliche Welt, in der die Demokratie unter Druck steht – durch Misstrauen, gesellschaftliche Spaltung und institutionelle Schwächen. Dennoch bleibt die Bereitschaft, für demokratische Werte einzustehen, hoch.
Die kommenden Jahre werden entscheidend sein: Politische Entscheidungsträger stehen vor der Aufgabe, Transparenz zu stärken, Korruption zu bekämpfen und Desinformation entschlossen entgegenzutreten - sonst droht das Vertrauen in die Demokratie weiter zu erodieren.
- Die Umfrage wurde im September mithilfe von KnowledgePanel®, den repräsentativen Panels von Ipsos, in Kroatien, Frankreich, Italien, den Niederlanden, Polen, Spanien, Schweden, Großbritannien und den USA durchgeführt. Ipsos befragte national repräsentative Stichproben von Erwachsenen ab 18 Jahren: Kroatien = 1.001, Frankreich = 1.001, Italien = 1.003, Niederlande = 882, Polen = 801, Spanien = 800, Schweden = 1.002, USA = 1.024 und Großbritannien = 2.380 Erwachsene ab 16 Jahren.
- In jedem Land wurden die Panelteilnehmer nach Wahrscheinlichkeitsprinzipien rekrutiert und für Umfragen ausgewählt:
- In den Niederlanden, Polen, Spanien, Schweden, Großbritannien und den USA über adressbasierte Stichprobenverfahren mithilfe von Datenbanken, die die Bevölkerung vollständig oder nahezu vollständig abdecken.
- In Kroatien, Frankreich und Italien per Zufallsstichprobe auf Basis von Telefonanrufen
- In Frankreich und Polen wurde eine Kombination aus telefonbasierter und adressbasierter Wahrscheinlichkeitsstichprobe verwendet.
- In Großbritannien und den USA erhielten Panelteilnehmer ohne Internetzugang kostenlos ein Tablet und einen Internetanschluss.
- In den anderen Ländern wurden digital Personen telefonisch beim KnowledgePanel registriert und anschließend telefonisch für Umfragen befragt.