Brandrodung ist nicht immer Waldzerstörung
Im Mittelpunkt der Untersuchung steht die Frage, wie Menschen in ländlichen Regionen Landwirtschaft betreiben können, ohne die Wälder, von denen sie langfristig abhängig sind, dauerhaft zu zerstören. Die Forschenden kommen zu dem Schluss, dass traditionelle Formen der Zusammenarbeit dabei eine wichtige Rolle spielen können, teilweise sogar ohne formale staatliche Vorgaben.
„Kleine ländliche Gemeinschaften besitzen die Fähigkeit, Gemeindewälder nachhaltig zu bewirtschaften“, sagt Sean Downey, Anthropologe an der Ohio State University und Hauptautor der Studie. Entscheidend sei, diese Gemeinschaften dabei zu unterstützen, Lösungen aus ihren eigenen Traditionen und lokalen Erfahrungen heraus zu entwickeln. Was in Belize funktioniert, müsse dabei nicht zwangsläufig auf Afrika oder Indonesien übertragbar sein.
Ein jahrtausendealtes System
Teilweise Brandrodung beziehungsweise Wanderfeldbau wird seit rund 10.000 Jahren in tropischen und subtropischen Regionen praktiziert. Dabei wird eine begrenzte Waldfläche gerodet, das Holz getrocknet und anschließend verbrannt. Die dabei entstehende Asche führt dem Boden Nährstoffe zu. Nach wenigen Ernten wird die Fläche wieder sich selbst überlassen. Während der Brache regeneriert sich der Wald und die landwirtschaftlich genutzte Fläche kann später erneut bewirtschaftet werden.
Das System funktioniert allerdings nur dann nachhaltig, wenn die gerodeten Flächen begrenzt bleiben und ausreichend Zeit zur Regeneration vorhanden ist. Genau hier kommen laut Studie soziale Normen und gemeinschaftliche Zusammenarbeit ins Spiel.
Downey beobachtete in Belize einen auffälligen Gegensatz zur Situation auf der anderen Seite der Grenze in Guatemala. Während dort große Waldflächen in Weideland umgewandelt wurden, blieben in Regionen mit Maya-Gemeinschaften mosaikartige Landschaften aus Wald, Feldern und Brachflächen erhalten.
Wenn Nachbarn über die Größe eines Feldes entscheiden
Ein überraschend einfacher Mechanismus könnte dabei eine wichtige Rolle spielen: gegenseitige Hilfe. Wer ein neues Feld anlegen möchte, ist häufig auf die Unterstützung seiner Nachbarn angewiesen. Die Größe der geplanten Rodungsfläche beeinflusst dabei, wie viele Menschen bereit sind, mitzuhelfen.
Bei einer angemessenen Fläche finden sich genügend Helfer. Wird jedoch eine ungewöhnlich große Fläche angefordert, sinkt die Bereitschaft zur Unterstützung. Dadurch wird die Rodung größerer Flächen praktisch begrenzt.
Diese Form der sozialen Kontrolle funktioniert ohne Gesetze, Behörden oder staatliche Überwachung. Die Gemeinschaft reguliert sich über gemeinsame Erwartungen und die Bereitschaft zur Zusammenarbeit. Die Forschenden sehen darin Parallelen zu den Arbeiten der Wirtschaftswissenschaftlerin und Nobelpreisträgerin Elinor Ostrom, die untersucht hat, wie lokale Gemeinschaften gemeinschaftlich genutzte Ressourcen durch soziale Regeln und Sanktionen schützen können.
Satellitenbilder zeigen Muster der nachhaltigen Nutzung
Das interdisziplinäre Forschungsteam aus Anthropologie, Physik, angewandter Mathematik und Fernerkundung kombinierte Computermodelle mit Satellitendaten aus Mittel- und Südamerika, Subsahara-Afrika sowie Süd- und Südostasien. Untersucht wurde unter anderem, wie Gemeinschaften landwirtschaftliche Arbeit organisieren, welche Flächen sie roden und wie sich die Nutzung über längere Zeiträume auf die Landschaft auswirkt.
Das Ergebnis: Die Kombination aus gemeinschaftlicher Zusammenarbeit, lokalen Normen und natürlichen Regenerationsprozessen kann charakteristische Mosaike aus Wald, Feldern und Brachflächen hervorbringen. Gleichzeitig wird die insgesamt gerodete Fläche begrenzt.
Damit stellt die Studie eine verbreitete Annahme infrage: Brandrodung ist nicht automatisch gleichbedeutend mit dauerhafter Waldzerstörung. Entscheidend ist vielmehr, wie intensiv, wie großflächig und in welchen zeitlichen Abständen die Flächen genutzt werden.
Moderate Störung kann Biodiversität erhöhen
Besonders interessant ist ein weiterer Befund der Studie. Während eine zu intensive Rodung den Wald langfristig in Grasland verwandeln kann, kann ein moderates Maß an Störung die biologische Vielfalt einer Landschaft sogar erhöhen.
Durch die unterschiedlichen Entwicklungsstadien, von frisch gerodeten Flächen über landwirtschaftlich genutzte Bereiche bis hin zu jungen und alten Sekundärwäldern, entstehen verschiedene ökologische Nischen. Davon können unterschiedliche Tier- und Pflanzenarten profitieren.
„Wenn man Brandrodungsflächen anlegt, schafft man während der Brachephase neue ökologische Nischen, in denen verschiedene Arten gedeihen“, erklärt Downey. Eine vielfältig strukturierte Landschaft könne dadurch insgesamt eine höhere Biodiversität aufweisen als ein ausschließlich aus ausgewachsenem Wald bestehendes Gebiet.
Neue Perspektiven für Natur- und Klimaschutz
Die in den Proceedings of the National Academy of Sciences veröffentlichte Studie liefert damit auch Impulse für die internationale Natur- und Klimapolitik. Statt traditionelle Landnutzungsformen pauschal als zerstörerisch einzustufen, könnte es sinnvoller sein, genauer auf die jeweiligen sozialen und ökologischen Bedingungen vor Ort zu schauen.
Die zentrale Botschaft der Forschenden lautet: Nachhaltige Waldbewirtschaftung muss nicht immer von oben verordnet werden. Lokales Wissen, gemeinschaftliche Verantwortung und über Generationen entwickelte soziale Regeln können ebenfalls dazu beitragen, Wälder zu erhalten.
Für den Naturschutz bedeutet das einen Perspektivwechsel: Nicht jede Form der menschlichen Nutzung ist automatisch ein Problem für den Wald. Unter den richtigen Bedingungen können traditionelle Bewirtschaftungsformen vielmehr Teil einer Landschaft sein, in der Landwirtschaft, Waldregeneration und Biodiversität miteinander verbunden sind.