Amazons 10-Milliarden-Dollar-Rechenzentrum sorgt für Proteste
Hamlet, North Carolina - Ein 10 Milliarden US-Dollar schweres Rechenzentrum von Amazon soll in Richmond County zu einem der größten Wirtschaftsprojekte in der Geschichte des US-Bundesstaates werden. Doch für viele Menschen vor Ort ist das Projekt vor allem ein Symbol für eine Entwicklung, bei der wirtschaftliche Interessen schneller vorangetrieben werden als Umwelt- und Bürgerinteressen; wie Inside Climate News berichtet.
Auf einem rund 646 Hektar großen Gelände entstehen insgesamt 21 Gebäude. Nach der Fertigstellung sollen dort fast 600 Notstromaggregate stehen. Jedes Gebäude soll über einen eigenen Tank mit rund 12.000 Gallonen Dieselkraftstoff verfügen.
Für die Anrainer bedeutet das eine zusätzliche industrielle Belastung in einer Region, die bereits mit zahlreichen Umweltproblemen kämpft. Es gibt wenig Möglichkeiten, auszuweichen: In der Umgebung befinden sich unter anderem Steinbrüche, ein Asphaltwerk, ein Geflügelschlachthof und ein Erdgaskraftwerk. Auch ein ehemaliges Superfund-Gelände mit Altlasten gibt es.
Projekt Blue Marlin blieb lange geheim
Besonders umstritten ist die Vorgeschichte des Rechenzentrums. Das Projekt lief zunächst unter dem Codenamen „Project Blue Marlin“. Selbst Anrainer, die direkte Nachbarn der Gebäude sind, berichten, sie seien nicht darüber informiert worden, dass dort ein riesiger Rechenzentrumskomplex entstehen würde.
Die zuständigen Bezirkskommissare verhandelten bereits im Frühjahr 2025 über die Umwidmung und den Verkauf des Grundstücks. In öffentlichen Sitzungen wurde allerdings nicht offengelegt, welches Unternehmen hinter dem Projekt stand und was genau auf dem Gelände entstehen soll.
Nach öffentlich zugänglichen Unterlagen vereinbarte der Bezirk im März 2025 den Verkauf des Areals an Project Blue Marlin. Der Kaufpreis: 26 Millionen Dollar.
Hinzu kamen erhebliche steuerliche Vorteile. Amazon soll über einen Zeitraum von 20 Jahren einen 50-prozentigen Nachlass bei der Grundsteuer auf Gebäude sowie eine 65-prozentige Reduktion auf Maschinen und Ausrüstung erhalten.
Als Gegenleistung wurden zunächst mindestens eine Milliarde Dollar Investitionen und 50 Arbeitsplätze verlangt. Später kündigte Amazon an, beim vollständigen Ausbau rund 500 Arbeitsplätze zu schaffen.
Für Kritiker stellt sich dennoch die Frage, ob die langfristigen wirtschaftlichen Vorteile die Umweltbelastungen und öffentlichen Kosten tatsächlich aufwiegen.
Fast 600 Generatoren als Notstromreserve
Besonders brisant ist die Energieversorgung. Amazons Antrag für die Luftreinhaltegenehmigung sieht 592 Dieselgeneratoren vor. Sie sollen im Fall von Stromausfällen die Versorgung der kritischen IT-Infrastruktur sicherstellen.
Nach den Berechnungen im Genehmigungsantrag könnten die Aggregate jährlich bis zu 249,9 Tonnen Stickoxide, Kohlenmonoxid und flüchtige organische Verbindungen ausstoßen. Hinzu kommen Feinstaub sowie gefährliche Luftschadstoffe wie Benzol und Formaldehyd.
Amazon betont, moderne Abgasreinigungssysteme einsetzen zu wollen und die Generatoren mit schwefelarmem beziehungsweise erneuerbarem Diesel zu betreiben. Das Unternehmen erklärt außerdem, die Aggregate würden nur bei seltenen Stromausfällen sowie für Wartung und Tests eingesetzt.
Doch genau diese Argumentation wird von Umweltorganisationen hinterfragt. Untersuchungen zu Rechenzentren in den USA zeigen, dass Notstromgeneratoren teilweise häufiger laufen als ursprünglich angenommen.
Noch größer wird die Dimension durch den Stromversorger Duke Energy. Das Unternehmen beantragte zusätzlich die Genehmigung für 57 Dieselgeneratoren, die das Rechenzentrum vorübergehend mit Strom versorgen sollen, bis eine neue Stromleitung fertiggestellt ist.
Nach Angaben der Kritiker könnten diese Generatoren zusätzlich hunderte Tonnen Luftschadstoffe verursachen und die Treibhausgasemissionen um rund 70.000 Tonnen pro Jahr erhöhen.
Umweltschützer kritisieren, dass die Generatoren von Amazon und Duke Energy getrennt betrachtet werden. Dadurch werde die tatsächliche Belastung des Standorts möglicherweise unterschätzt.Die Kritik richtet sich auch gegen die Standortwahl. In den angrenzenden Wohngebieten hat etwa die Hälfte der Bevölkerung ein niedriges Einkommen. Gleichzeitig liegen die Belastungen durch Luftverschmutzung und gesundheitliche Probleme bereits über dem Durchschnitt des Bundesstaates.
Amazon: Stromversorgung muss jederzeit gesichert sein
Amazon weist die Kritik zurück und verweist auf die Bedeutung einer stabilen Stromversorgung. Rechenzentren müssten auch bei Stromausfällen weiterlaufen können, auch weil sie Cloud-Dienste für Krankenhäuser, Schulen oder Rettungsdienste bereitstellen.
Das Unternehmen betont, die tatsächlichen Emissionen würden deutlich unter den theoretisch möglichen Höchstwerten liegen und die Generatoren seien mit modernen Abgasreinigungssystemen ausgestattet.
Für die Anwohner geht es jedoch um eine grundsätzliche Frage: Wie viel zusätzliche Umweltbelastung kann eine bereits stark belastete Region verkraften – und wer entscheidet darüber?
Amazons Emissionen steigen mit dem KI-Boom
Der Streit in North Carolina steht stellvertretend für ein größeres Problem. Der weltweite Boom bei Künstlicher Intelligenz und Cloud Computing lässt den Bedarf an Rechenzentren massiv wachsen und damit auch den Bedarf an Strom, Wasser und Infrastruktur.
Amazon meldete für 2025 einen Anstieg seiner gesamten CO₂-Emissionen um 16 Prozent. Besonders stark stiegen die indirekten Emissionen aus eingekauftem Strom – laut Unternehmen vor allem aufgrund des wachsenden Strombedarfs seiner Rechenzentren, der Elektrifizierung des Lieferverkehrs und der Gebäudeelektrifizierung.
Amazon hat sich zwar zum Ziel gesetzt, bis 2040 netto null Emissionen zu erreichen. Gleichzeitig zeigt der rasante Ausbau der Rechenzentren, wie schwierig dieses Ziel im Zeitalter der KI wird.
Die Auseinandersetzung in Richmond County macht deshalb ein grundlegendes Spannungsfeld sichtbar: Die digitale Transformation benötigt immer mehr physische Infrastruktur – und diese Infrastruktur hat konkrete Auswirkungen auf Landschaft, Energieverbrauch, Wasser, Luftqualität und die Menschen, die neben ihr leben.
Für die Bewohner von Hamlet stellt sich daher nicht nur die Frage, wie viele Arbeitsplätze Amazon schafft. Sie wollen vor allem wissen, warum über ein Milliardenprojekt entschieden wurde, bevor die betroffene Bevölkerung wirklich wusste, was auf sie zukommt.