Altkleiderberge in Uganda: Südwind-Bericht zeigt die Schattenseiten des Secondhand-Handels
Wien/Kampala - Der weltweite Handel mit gebrauchter Kleidung wird häufig als nachhaltige Alternative zu Fast Fashion dargestellt. Eine neue Studie der Menschenrechtsorganisation Südwind zeigt jedoch ein anderes Bild: In Uganda sind Gesundheitsrisiken, prekäre Arbeitsbedingungen und wachsende Müllprobleme Alltag für Hunderttausende Menschen, die vom Secondhand-Sektor leben.
Jährlich gelangen bis zu 100.000 Tonnen Altkleidung aus dem Globalen Norden nach Uganda. Rund 40 Prozent davon sind laut Bericht nicht mehr verwendbar – das entspricht etwa 2.000 voll beladenen Lastwagen. Die Bewältigung dieser Kleidungsflut hat einen riesigen informellen Arbeitsmarkt entstehen lassen: Zwischen 700.000 und fünf Millionen Menschen arbeiten in Uganda direkt oder indirekt im Secondhand-Sektor – als Händler:innen, Sortierer:innen, Schneider:innen oder Müllsammler:innen.
Der neue Bericht „Die Menschen hinter den Altkleiderbergen. Arbeitsbedingungen in Ugandas Secondhand-Bekleidungssektor“ der ugandischen Gewerkschafterin und Forscherin Faith Irene Lanyero untersucht erstmals umfassend die sozialen Auswirkungen dieses Handels.
70-Stunden-Wochen ohne soziale Absicherung
Obwohl gebrauchte Kleidung oft als Beitrag zur Kreislaufwirtschaft gilt, sind die Arbeitsbedingungen vieler Beschäftigter in Uganda äußerst schwierig. Die meisten Menschen arbeiten ohne Arbeitsvertrag, ohne Schutzkleidung, ohne Kranken- oder Sozialversicherung und ohne gewerkschaftliche Vertretung.
Befragte berichten von Arbeitswochen mit bis zu 70 Stunden, körperlichen Beschwerden durch schwere Lasten, Hitze und Staub sowie gesundheitlichen Problemen wie Atemwegserkrankungen oder Bluthochdruck. Viele verdienen dennoch nicht genug, um ihre grundlegenden Lebenshaltungskosten zu decken.
Besonders deutlich zeigt sich die Situation auf Märkten wie Owino in Kampala, einem der größten Secondhand-Märkte Afrikas. Enge, schlecht belüftete Verkaufsbereiche, fehlender Schutz vor Regen und Hitze sowie regelmäßige Überschwemmungen und Brände erschweren den Alltag.
Frauen sind besonders betroffen. Viele übernehmen schlecht bezahlte Tätigkeiten wie das Tragen von Kleidungspaketen, Waschen, Bügeln oder Reparieren von Textilien. Gleichzeitig fehlen häufig Toiletten, Kinderbetreuung oder Schutz während der Schwangerschaft.
Die Straßenhändlerin Patricia Nyaketcho beschreibt ihre Situation: „Ich arbeite von Montag bis Montag, ohne freien Tag, jeweils zehn Stunden, um meine fünfköpfige Familie zu ernähren. Mein Einkommen reicht trotzdem nicht aus.“
Fast Fashion wird zum Müllproblem
Südwind kritisiert, dass das bestehende System die Umwelt- und Sozialkosten des europäischen Modekonsums in den Globalen Süden verlagert.
„Der globale Secondhand-Markt ist bei weitem kein nachhaltiger Kreislauf“, sagt Lena Gruber, Südwind-Sprecherin für Mode-Lieferketten. „Die Menschen in Uganda zahlen den Preis für unseren Fast-Fashion-Konsum.“
Durch die enorme Menge minderwertiger Kleidung werde der Secondhand-Handel zunehmend zu einer Entsorgungsstrategie für überschüssige Modeproduktion.
Die Folgen reichen über die Arbeitsplätze hinaus: Große Mengen nicht verwertbarer Kleidung landen auf Deponien und belasten Umwelt und Gemeinden. Der Einsturz der Kiteezi-Deponie in Kampala im Jahr 2024, bei dem 35 Menschen starben, verdeutlichte die Gefahren unkontrollierter Müllberge.
Auch Österreich steht in der Verantwortung
Österreich sammelt mit rund 30 Prozent vergleichsweise viele gebrauchte Textilien. Doch wegen fehlender ausreichender Sortierkapazitäten wird mehr als die Hälfte exportiert – rund 22.000 Tonnen pro Jahr.
Nach Ansicht von Südwind fehlt es an Transparenz und Kontrolle darüber, welche Kleidung tatsächlich weiterverwendet werden kann und welche als Abfall endet.
„Mit unserer alten Kleidung exportieren wir nicht zuletzt Umwelt- und Sozialprobleme“, kritisiert Gruber. Zielländer wie Uganda müssten stärker in Entscheidungen über den Umgang mit importierten Textilien einbezogen werden.
Secondhand kann Teil einer Lösung sein
Trotz der Probleme betont Südwind, dass gebrauchte Kleidung grundsätzlich ein wichtiger Bestandteil einer nachhaltigen Modewirtschaft sein kann. Hochwertige Secondhand-Ware könne die Nachfrage nach neuer Produktion reduzieren. Auch in Uganda entstehen innovative Projekte, bei denen Designer:innen aus gebrauchten Textilien neue Produkte entwickeln.
Damit Secondhand jedoch tatsächlich nachhaltig wird, müsse die Müllflut gestoppt werden.
Südwind fordert Kurswechsel bei Mode und Textilien
Die Organisation fordert einen grundlegenden Wandel vom linearen Wegwerfmodell hin zu einer gerechten Kreislaufwirtschaft:
- Nur wiederverwendbare Kleidung soll exportiert werden dürfen.
- Verbraucher-Länder müssen ausreichende Sortier- und Recyclingstrukturen aufbauen.
- Illegale Müllexporte und Falschdeklarierungen müssen stärker kontrolliert und sanktioniert werden.
- Modemarken sollen im Rahmen der erweiterten Herstellerverantwortung (EPR) für den gesamten Lebenszyklus ihrer Produkte Verantwortung übernehmen.
- Die Überproduktion billiger Kleidung muss durch politische Maßnahmen eingedämmt werden.
Südwind warnt: Eine nachhaltige Modezukunft ist nur möglich, wenn nicht nur der Umgang mit Kleidung am Ende ihres Lebenszyklus verbessert wird, sondern bereits die Produktion und der Konsum grundlegend verändert werden.