© johnhain
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Achtsamkeit und Bildung im Brennpunkt: Wir können unser Denken verändern

„We can change the brain by changing the mind“ - frei nach dem Motto „Wir können unser Gehirn verändern, indem wir unseren Geist verändern“.

Wie das gehen soll?

GLOBART, die renomierte Denkwerkstatt für Zukunftsthemen, veranstaltet in Wien und Melk zum ersten Mal ein „Mindfulness Forum“.Dazu lud GLOBART niemand geringeren als einen der führenden Pioniere und Hirnforscher unserer Zeit, den US-Amerikaner Dr. Richard Davidson, nach Österreich ein.

Das Programm startete im Stift Melk mit einer Performance und Raumintervention von Y8 Hamburg mit Schülern des Stiftsgymnasiums und Teilnehmern des Forums. Dort sprach Dr. Davidson zum Thema „Leading Mindfully in Education for a Kinder World”, abgerundet wurde das Programm durch einen offenen Dialog.

Fortgesetzt wurde am selben Tag im Gartenbaukino in Wien, wo Richard Davidson zunächst über „Well-Being Is a Skill” sprach, ehe er mit Dr. Andreas de Bruin und Dr. Sarah Spiekermann in einen offenen Dialog weitere Einblicke in seine Forschung gab. Das Rahmenprogramm beinhaltete die Filmvorführungen „Alphabet” von Erwin Wagenhofer, „Der unsichtbare Prozess” von Jakob Brossmann und „From Business to Being” von Julian Wildgruber sowie ein Gespräch mit dem Regisseur und mit einem Workshop „Meditation and Art“ mit Andreas de Bruin am Donnerstag im Kunsthistorischen Museum in Wien.

zur Person Richard Davidson:

Dr. Richard Davidson
Der US-amerikanische Hirnforscher studierte in Harvard und promovierte in Psychologie, Psychopathologie und Psychophysiologie. 1984 gründete er das „Center for Healthy Minds“ an der Universität von Wisconsin-Madison, dass er seither auch leitet. Sein Forschungsschwerpunkt liegt auf den neuralen und psychologischen Voraussetzungen mentalen Wohlbefindens.
In dem 2017 erschienen Buch „Altered Traits – Science Reveals How Meditation Chnages Your Mind, Brain and Body“ thematisiert er den positiven Effekt von Meditation auf Psyche und Körper.

Dr. Davidson ist durch seine bahnbrechenden Studien zu Emotionen und der Lernfähigkeit des Gehirns bekannt. Eine bereits vor 15 Jahren 2003 von Richard Davidson und seinen Kollegen durchgeführte Studie mit gesunden Mitarbeitern zeigte, dass nach 8 Wochen Meditationspraxis das Muster der elektrischen Aktivität im Gehirn verändert wurde. Bei den Meditierenden gab es eine stärkere Aktivierung in der linken Hemisphäre als bei gleichzeitig bewerteten Personen, die kein Meditationstraining hatten. Dieses Muster der Gehirnaktivität ist mit einer Abkehr von negativen zu positiveren emotionalen Erfahrungen verbunden. Über eine seiner Kernthesen führte er in seinem Vortrag aus, dass „mentales und emotionales Wohlbefinden trainierbar sind“. Er ist Freund und Vertrauter des Dalai Lama, dem geistlichen und weltlichen Oberhaupt Tibets.

Dr. Davidson legt vier Grundfähigkeiten dar, auf die sich die Veränderungsfähigkeit des Menschen nach seinen Erkenntnissen bezieht.

Als Ausgangspunkt für jegliche angestrebte positive Veränderung sieht er „awareness“ an, also Bewusstheit oder Achtsamkeit. Nach seiner Einschätzung ist davon der Level von Glücklichsein und Wohlbefinden entscheidend abhängig. Seine Studie legt einen interessanten Aspekt dar, wonach ca. 47 Prozent unserer im Wachzustand gelebten Zeit, wir keine Aufmerksamkeit darauf lenken, was wir tatsächlich gerade tun, da wir von Gedanken und Gefühlen getrieben sind.
Davidson ist davon überzeugt, dass wir das besser zu Wege bringen können. Je mehr wir uns darauf konzentrieren und fokussieren, Handlungen bewusst zu setzen, ganz bewusst in den Austausch mit Menschen zu gehen, desto mehr zeigt sich eine deutliche Verbesserung des Empfindens, wie glücklich jemand ist. Durch regelmäßiges Training kann das Gehirn eines Menschen sich zu ändern beginnen, und folglich schlägt sich das in allen Lebensbereichen nieder – von privaten Beziehungen bis zu besserer Gesundheit und bis hin zum beruflichen Bereich.

Von unserem Lebensbeginn an ist jeder Mensch mit einem bestimmten Setting von Genen ausgerüstet, und im Laufe seines Lebens entscheidet er, nicht unbedingt bewusst, welche aufgeschalten und welche abgeschalten werden.
Regelmäßige Meditation verhindert nachgewiesener Maßen den Alterungsprozess eines Menschen.

Als sehr entscheidend stuft Davidson dafür die Fähigkeit von „Connection“, also der Verbundenheit, ein. Er verweist dabei darauf, dass gerade in den geopolitsch turbulenten Zeiten, in denen wir uns befinden, einmal mehr die Verbundenheit zwischen den Menschen benötigt wird. Und er spricht an, dass nicht zufällig Connection als Schlüsselfaktor in der Friedensbotschaft für die Welt von Dalai Lama vorkommt. Aber wie leben wir mehr Verbundenheit als bisher? Dafür ist es erforderlich, dass Menschen die Bereitschaft entwickeln, mit ihrem Gegenüber, also mit dem einzelnen Menschen in ihrem Umfeld in direkte, persönliche Beziehung zu treten und eben Aufmerksamkeit und Interesse für dessen Werte und Fähigkeiten zu zeigen.

Damit das gelingen kann benötigen wir, wie Davidson sagt, eine verstärkte Achtsamkeit für „Inside“ also für das Innerste in jedem einzelnen Menschen. Er fordert dazu auf, nicht nur über kognitive Aspekte unseres Alltags und Lebens nachzudenken, wie wir es von der Schule an gewohnt sind und wie es leider in vielen Bildungsbereichen noch usus ist, sondern damit zu beginnen, regelmäßig über die Frage zu reflektieren „Wer sind wir?“ Allein schon mit dieser Frage, kann eine unmittelbare Verbindung zu der Sinnhaftigkeit hergestellt werden, die ein Mensch mit seinem Handeln und Gedanken über sein eigenes Leben, über die Welt und auch über seine Mitmenschen wahrnimmt und als echt bedeutsam erlebt. Durch diese kleinen Änderungen würde bereits ein gesteigertes Wohlbefinden aktiviert, was sich laut Davidson auch in mehreren Studien wiederspiegelt.

Abschließend weist der Hirnforscher auf den Aspekt von „Purpose“, also den Lebenszweck oder die Lebensbestimmung hin. Gestützt durch seine Studien ist es möglich, einen äußerst spannenden Zusammenhang herzustellen, wonach je mehr die Lebensbestimmung erkannt wird und gelebt wird, umso älter kann ein Mensch bei entsprechendem Wohlbefinden werden.

Über die jahrzehntelange Forschung und eigene Meditation steht für den renommierten Hirnforscher fest, dass Wohlbefinden eine Fähigkeit ist, derer wir uns bewusst werden müssen. Durch regelmäßiges Training können wir diese ausbauen, vergleichbar wie etwa der Aufbau von Muskeln im Körper durch regelmäßige sportliche Betätigung erfolgen kann, so muss auch diese Fähigkeit regelmäßig trainiert werden.

Spannend war auch, wie er die Zuhörer und Zuhörerinnen mit einem kurzen und stimmungsvollen gemeinsamen Moment der Mediation abholen konnte.


Doris Holler-Bruckner & Karin Neckamm für OEKONEWS


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