90 Prozent-Finanzierungslücke muss Thema der Bonner Klima-Gespräche werden
Berlin - Vor Beginn der Bonner Klima-Gespräche zeigen neue OECD-Zahlen, dass die Geberländer 2024 nur rund 32 Milliarden US-Dollar zur Anpassung an den Klimawandel in einkommensschwachen Ländern bereitgestellt haben – der Bedarf wird bis 2035 jedoch auf jährlich bis zu 365 Milliarden US-Dollar ansteigen.
Zwar mobilisierten die Industrieländer 2024 insgesamt rund 137 Milliarden US-Dollar für Klimaschutz und Anpassung für Länder mit niedrigem und mittlerem Einkommen – mehr als jemals zuvor. Für die besonders dringliche Anpassung an Folgen der Klimakrise wie Dürren, Überschwemmungen, Extremwetter und den steigenden Meeresspiegel flossen jedoch nur rund 32 Milliarden US-Dollar an öffentlichen Mitteln und weitere drei Milliarden US-Dollar an mobilisierten privaten Mitteln. Dem steht ein wachsender Bedarf gegenüber, der bis 2035 jährlich 310 bis 365 Milliarden US-Dollar erreichen wird, so eine Schätzung des Umweltprogramms der Vereinten Nationen. Mit der aktuellen Unterstützung bliebe also eine Finanzierungslücke von etwa 90 Prozent.
Rückschritte durch Kürzungen bei Entwicklung und Klima
Die aktuellen Zahlen beschreiben vor allem die Vergangenheit: Angesichts der weltweiten Kürzungen in der Entwicklungszusammenarbeit 2025 und 2026 droht die Unterstützung einkommensschwacher Länder bei der Bewältigung der Klimakrise deutlich zurückzugehen – auch in Deutschland. Nach Oxfam-Berechnungen fehlen im Bundeshaushalt 2026 womöglich mindestens eine Milliarde Euro, um das Versprechen der Bundesregierung einzuhalten, jährlich mindestens sechs Milliarden Euro für internationale Klimafinanzierung bereitzustellen. Für 2027 würden weitere Kürzungen die Lage zusätzlich verschärfen.
Gelegenheit zum Gegensteuern bieten die Bonner Klima-Gespräche. Die letzte Weltklimakonferenz hatte ein eigenes Arbeitsprogramm Klimafinanzierung gestartet, um unter anderem die Verpflichtung der Industrieländer zur finanziellen Unterstützung näher zu beleuchten. Erste Gespräche dazu sind im Rahmen der Bonner Konferenz geplant.
Jan Kowalzig, Referent für internationale Klimapolitik bei Oxfam, sagt: „Die OECD-Zahlen sind kein Grund zum Zurücklehnen. In Bonn muss es darum gehen, das neue Klimafinanzierungsziel, bis 2035 mindestens jährlich 300 Milliarden US-Dollar zu erreichen, mit Leben zu füllen und den Weg für die nächste COP31 in Antalya vorzubereiten. Dafür braucht es verlässliche öffentliche Unterstützung und einen klaren Fokus auf Anpassung und die ärmsten Länder. Andernfalls bleiben die Beschlüsse der vergangenen Klimagipfel für Millionen Menschen leere Worthülsen auf Papier.“
Klimafinanzierung als Schuldentreiber
Die OECD bestätigt in ihrem jüngsten Bericht, dass ein Großteil der Unterstützung in Form von Krediten kommt, die die Schuldenlast der Länder weiter vergrößern können. „Wer kaum zur Klimakrise beigetragen hat, muss auch noch Schulden aufnehmen, um sich vor ihren Folgen zu schützen. Ganz zu schweigen davon, dass die Mittel für Anpassung weit hinter dem tatsächlichen Bedarf zurückbleiben. Damit bleiben ausgerechnet jene Länder weitgehend außen vor, die am stärksten mit Dürren, Überflutungen und Ernteausfällen konfrontiert sind“, so Kowalzig.
Oxfam fordert die Regierungen auf, die Klimafinanzierung aufzustocken, das auf der COP29 vereinbarte 300-Milliarden-Ziel glaubwürdig zu unterlegen und wie auf der COP30 zugesagt, die Mittel für Anpassung zu verdreifachen. Außerdem müssen reiche Verursacher stärker zur Finanzierung herangezogen werden – etwa durch Steuern auf extreme Vermögen und die exorbitanten Gewinne fossiler Konzerne. Sechs der größten Öl- und Gaskonzerne werden 2026 voraussichtlich Gewinne von 94 Milliarden US-Dollar erzielen. Das entspricht knapp 3.000 US-Dollar pro Sekunde.