53 Jahre alte Schiffe, tausende Tiere und kaum Kontrolle: Der Fall Spiridon II zeigt das Hochrisiko-System der Lebendtiertransporte
Ein über 50 Jahre altes Schiff, tagelange Irrfahrten im Mittelmeer, verendete Kälber und unklare Verantwortlichkeiten: Der Fall der Spiridon II hat international für Aufsehen gesorgt. Doch ein neuer globaler Bericht zeigt: Die Tragödie war kein Ausnahmepunkt, sondern ein Symptom eines Systems, das seit Jahren als eines der riskantesten in der internationalen Schifffahrt gilt.
Der rund 400 Seiten umfassende Report „The Global Livestock Fleet“ der Animal Welfare Foundation (AWF), des Tierschutzbund Zürich und Robin des Bois untersucht die weltweit registrierten Tiertransportschiffe. Das Ergebnis ist alarmierend: Die Branche basiert vielfach auf veralteten Schiffen, hohen Sicherheitsrisiken und Kontrolllücken.
Weltweit sind derzeit 159 Tiertransportschiffe registriert. Viele davon wurden ursprünglich für völlig andere Zwecke gebaut: 84 Prozent waren einst gewöhnliche Frachter für Container, Fahrzeuge oder andere Güter und wurden erst später zu Tiertransportern umgebaut.
Das Durchschnittsalter der Flotte liegt inzwischen bei 45 Jahren. Mehr als 50 Schiffe sind sogar älter als ein halbes Jahrhundert.
Diese Überalterung spiegelt sich auch in den Sicherheitsdaten wider: Laut dem Bericht wurden im Jahr 2024 bei 88 Prozent der Hafenkontrollen Mängel festgestellt. Die Quote der behördlichen Festsetzungen lag bei 15,1 Prozent – fast viermal höher als bei anderen Schiffstypen.
Bereits seit sechs Jahren gelten Tiertransportschiffe laut dem Paris Memorandum of Understanding (Paris MoU) als die risikoreichste Flotte der internationalen Handelsschifffahrt.
Die Probleme betreffen nicht nur den Tierschutz. Der Report dokumentiert auch zahlreiche Verstöße gegen internationale Umwelt- und Arbeitsstandards.
Rund ein Drittel der untersuchten Schiffe verstieß 2024 oder 2025 gegen das internationale Meeresschutzabkommen MARPOL. Zusätzlich wurden Verstöße gegen das Seearbeitsübereinkommen MLC 2006 festgestellt.
Für die Besatzungen bedeutet das häufig schwierige Arbeitsbedingungen: Auf den Schiffen herrschen über Wochen hinweg hohe Belastungen durch tausende transportierte Tiere, schlechte hygienische Bedingungen und komplexe Arbeitsabläufe.
Auch Österreich ist leider Teil dieses Systems. Jährlich werden zehntausende Zuchtrinder, insbesondere nach Algerien, exportiert. Die Tiere werden zunächst per Lkw zu Häfen in Frankreich oder Slowenien gebracht und anschließend auf Schiffe verladen. Die Überfahrt dauert rund sieben Tage.
Während Österreich die Exporte unter anderem mit dem Aufbau landwirtschaftlicher Strukturen in Nordafrika begründet, erfolgt der Transport laut Bericht auf Schiffen jener alternden Flotte, die weltweit als besonders risikoreich eingestuft wird.
„Die Tragödie um die Spiridon II ist kein Einzelfall, sondern die sichtbar gewordene Zuspitzung eines gefährlichen Systems“, sagt Ann-Kathrin Freude, Gründerin von The Marker.
Besonders kritisch sehen die Organisationen die Lücken bei der staatlichen Kontrolle. Das österreichische Gesundheitsministerium verweist auf sogenannte Retrospektivkontrollen bei Tiertransporten nach Algerien und erklärt, dabei seien bislang keine Verstöße festgestellt worden.
Doch diese Kontrollen beziehen sich nur auf den Transport bis zum EU-Hafen. Die entscheidende Phase, und zwar die Überfahrt über das Mittelmeer, die Entladung und der Weitertransport im Zielland, wird nicht überprüft.
„Die offiziellen Kontrollergebnisse vermitteln den Eindruck, die Transporte würden vollständig kontrolliert. Tatsächlich endet die Nachvollziehbarkeit genau dort, wo die größten Risiken beginnen“, erklärt Tobias Giesinger von The Marker.
Zum Verbleib der Tiere nach der Ankunft teilt das Ministerium lediglich mit, es werde davon ausgegangen, dass diese „gut angekommen sind“.
Der Fall der Spiridon II machte deutlich, wie schwierig Eingriffe bei internationalen Tiertransporten sind. Unterschiedliche Flaggenstaaten, Reedereien, Charterunternehmen und Eigentümergesellschaften führen zu komplizierten Verantwortungsstrukturen.
Als das Schiff wochenlang keinen Hafen anlaufen konnte, zeigte sich: Entlang der Transportkette gibt es keine klare Zuständigkeit, die schnell und wirksam eingreifen kann.
Die Organisationen sehen darin ein grundlegendes Problem des Systems: Selbst wenn tausende Tiere betroffen sind, bleiben Verantwortlichkeiten oft unklar.
Die Autoren des Global-Reports kommen zu einem eindeutigen Schluss: Katastrophen wie jene der Spiridon II seien keine unvorhersehbaren Zwischenfälle, sondern eine Folge eines Systems aus alten Schiffen, komplizierten Firmenstrukturen, Billigflaggen und unzureichender Kontrolle.
Die beteiligten Organisationen fordern deshalb ein Ende von Lebendtiertransporten über See. Bis dahin seien verbindliche internationale Standards, strengere Kontrollen und vollständige Transparenz entlang der gesamten Transportkette notwendig.
Maria Boada-Saña von der Animal Welfare Foundation bringt die zentrale Kritik auf den Punkt: Die EU-Vorschriften gelten zwar auf dem Papier bis zur Enddestination - ihre tatsächliche Durchsetzung endet jedoch vielfach mit dem Verlassen des europäischen Hafens.
Der Fall Spiridon II zeigt damit nicht nur das Schicksal eines einzelnen Schiffes, sondern die Schwachstellen eines weltweiten Systems, bei dem Tiere, Menschen und Umwelt erheblichen Risiken ausgesetzt sind. Einfach schockierend!