5,9 Milliarden Wassertiere pro Jahr: Die unsichtbaren Opfer der Atomkraft in Frankreich
Die Kühlung von Kernkraftwerken hat laut dem neuen Bericht gravierende Folgen für die Tierwelt in Flüssen und Meeren. Laut der Untersuchung des französischen Netzwerks „Sortir du nucléaire“ fallen in Frankreich jährlich rund 5,9 Milliarden Wassertiere den Kühlsystemen von Atomkraftwerken zum Opfer - darunter Fische, Krebstiere, Quallen sowie Eier, Larven und Jungtiere.
Der Bericht „Das unsichtbare Gemetzel: Was die Atomkraft unter der Oberfläche verbirgt“ beleuchtet eine bislang wenig beachtete Auswirkung der Kernenergie: die enorme Wasserentnahme zur Kühlung der Reaktoren.
Kernkraftwerke mit offenen Kühlsystemen entnehmen große Mengen Wasser aus Flüssen oder Meeren. Ein einzelnes Kraftwerk kann dabei pro Minute die Wassermenge eines olympischen Schwimmbeckens durch seine Anlagen pumpen. Zahlreiche Lebewesen gelangen dabei in die Ansaugsysteme und sterben durch mechanische Verletzungen, Druck- und Temperaturschwankungen oder chemische Behandlung des Wassers.
Laut Bericht entstehen 75 bis 90 Prozent der Todesfälle durch direkte mechanische Einwirkungen. Durchschnittlich würden damit täglich rund 16 Millionen Wassertiere betroffen sein.
Die Autorinnen und Autoren des Berichts werfen dem französischen Energiekonzern EDF vor, die Auswirkungen bislang nicht ausreichend öffentlich gemacht zu haben. Grundlage der Analyse waren unter anderem interne EDF-Studien seit den 1980er-Jahren sowie internationale Forschungsergebnisse.
Kritisiert wird vor allem, dass Untersuchungen häufig nur wenige Tage im Jahr durchgeführt würden und daher kein vollständiges Bild der tatsächlichen Verluste lieferten. Zudem würden Fangmengen oft in Tonnen angegeben, wodurch die hohe Zahl an betroffenen Kleintieren wie Larven und Jungfischen unsichtbar bleibe.
Der Bericht kritisiert außerdem einen regulatorischen „blinden Fleck“: Betreiber seien nicht systematisch verpflichtet, die Auswirkungen der Wasserentnahme auf betroffene Arten zu erfassen. Auch geschützte Arten könnten betroffen sein: So wurde beispielsweise 2014 ein Europäischer Stör im Kühlsystem des französischen Kernkraftwerks Blayais gefunden.
Die Umweltorganisation verweist darauf, dass andere Länder wie Kanada, die USA oder Großbritannien strengere Schutzmaßnahmen und bessere Überwachungssysteme eingeführt hätten.
Die Untersuchung rückt eine bisher noch wenig diskutierte Frage in den Mittelpunkt der Energiedebatte: Neben CO₂-Emissionen und Klimaschutz spielt auch der Schutz der Biodiversität eine zentrale Rolle bei der Bewertung von Energieformen.
Das Netzwerk „Sortir du nucléaire“ fordert deshalb strengere Umweltauflagen und eine stärkere Berücksichtigung der Auswirkungen auf Ökosysteme. Die Atomindustrie hingegen verweist traditionell auf ihre geringe CO₂-Intensität und ihre Bedeutung für die Stromversorgung.
Der Bericht zeigt, dass es immer noch viele Fragen gibt, die beim Thema Atomkraft bisher unbeachtet blieben. Kernkraftwerke stehen auch dank des Klimawandels damit noch mehr in der Kritik: Ihre Auswirkungen auf Natur und Artenvielfalt sind noch weit stärker zu berücksichtigen.