150 Millionen Euro Einsparpotenzial: Österreich braucht dringend mehr Batteriespeicher
Das Speicherproblem der Energiewende
Die Energiewende steht vor einer neuen Herausforderung. Der Ausbau von Photovoltaik schreitet rasch voran, doch die Frage, wie die erzeugte Energie zeitlich flexibel genutzt werden kann, gewinnt zunehmend an Bedeutung.
An sonnigen Tagen und an Wochenenden mit geringerem Stromverbrauch entstehen regelmäßig Stromüberschüsse. Die Folge: Die Börsenpreise sinken teilweise sogar in den negativen Bereich. Gleichzeitig bleibt der Strombedarf in den Abendstunden hoch, wenn die Sonne nicht mehr scheint. Diese Nachfrage wird häufig durch teure fossile Kraftwerke oder Stromimporte gedeckt.
„Batteriespeicher - egal ob klein oder groß - können einen wesentlichen Beitrag leisten, um hohe Strompreise für alle Konsumentinnen und Konsumenten spürbar zu senken“, betont Herbert Paierl, Vorstandsvorsitzender von PV Austria. Statt Photovoltaikanlagen bei Stromüberschüssen abzuregeln, könne die Energie gespeichert und dann genutzt werden, wenn sie tatsächlich gebraucht wird.
Wie groß das Potenzial ist, zeigt die Analyse von FINGREEN. In den vergangenen drei Jahren lagen die Strompreise in den vier teuersten Abendstunden durchschnittlich rund 70 Prozent über dem Preisniveau der übrigen Tagesstunden.
Würde Österreich seine derzeitige Batteriespeicherkapazität auf einen Schlag verfünffachen, könnte an rund 60 Sommertagen der zusätzliche Strombedarf am Abend vollständig mit tagsüber gespeichertem Solarstrom gedeckt werden. Dadurch würden die regelmäßig auftretenden Preisspitzen deutlich abgeschwächt.
„Mit dem Ausbau der Photovoltaik in Kombination mit Batteriespeichern können wir die teuren Preisspitzen in den Abendstunden glätten und alleine in den Sommermonaten Kosten in Höhe von bis zu 150 Millionen Euro im Stromsystem einsparen“, erklärt Studienautor Lukas Stühlinger, Managing Partner bei FINGREEN. Dabei seien reduzierte Netzausbaukosten und geringere Redispatch-Kosten noch gar nicht berücksichtigt.
Für dieses Szenario wäre laut Analyse eine Speicherkapazität von bis zu 16 Gigawattstunden erforderlich.
Im europäischen Vergleich liegt Österreich beim Ausbau großer Batteriespeicher deutlich zurück. Besonders aufschlussreich ist der Blick nach Bulgarien.
Obwohl Bulgarien einen höheren Anteil fossiler Energieträger im Strommix aufweist und stark von den Strompreisen der Nachbarländer Rumänien und Griechenland beeinflusst wird, wurden dort bereits zahlreiche Großspeicherprojekte mit mehreren hundert Megawattstunden Kapazität umgesetzt.
„Durch den dortigen Batterieausbau sinken bereits an manchen Tagen die abendlichen Stromspitzen am Day-Ahead- und Intradaymarkt“, erklärt Raphaela Hein, Energiemarktexpertin und designiertes Vorstandsmitglied von PV Austria. Die Speicher würden in den Abendstunden Strom ins Netz einspeisen und dadurch teure fossile Kraftwerke aus dem Markt drängen.
Nach Ansicht der Expertin zeigt Bulgarien, dass Batteriespeicher nicht nur die Versorgungssicherheit erhöhen, sondern auch direkte Auswirkungen auf das Strompreisniveau haben können.
Als Gründe für den raschen Speicherhochlauf nennen die Autoren der Analyse vor allem klare politische Rahmenbedingungen. In Bulgarien profitieren Batteriespeicher von einheitlichen Netzentgelten, staatlichen Förderungen und vereinfachten Netzanschlüssen in der Nähe von Umspannwerken.
In Österreich hingegen sehen Branchenvertreter weiterhin regulatorische Hürden, die Investitionen bremsen.
„Unter den richtigen Rahmenbedingungen steht einer schnellen Umsetzung nichts im Wege“, sagt PV-Austria-Präsident Paierl. Batteriespeicher könnten kurzfristig für mehr Energieunabhängigkeit sorgen und gleichzeitig die Strompreise senken.
Damit der Speicherausbau rascher vorankommt, fordert PV Austria gemeinsam mit FINGREEN fünf konkrete Maßnahmen:
- Eine Ausweitung und Vereinfachung der Investitionsförderung für Batteriespeicher bei neuen und bestehenden Photovoltaikanlagen.
- Den Erhalt der Marktprämie für Solarstrom, der zwischengespeichert und später ins Netz eingespeist wird.
- Eine Befreiung von Netzentgelten für Strom, der von Batteriespeichern aus dem öffentlichen Netz bezogen wird.
- Mehr Transparenz der Netzbetreiber über verfügbare Kapazitäten, Engpässe und Flexibilitätsbedarfe.
- Österreichweit einheitliche und vereinfachte Regeln für die Nachrüstung von Batteriespeichern bei bestehenden PV-Anlagen.
Schlüsseltechnologie für günstigen Strom
Für die Autoren der Studie steht fest: Der Ausbau der Photovoltaik allein reicht nicht aus, um die Energiewende wirtschaftlich erfolgreich zu gestalten. Erst die Kombination aus erneuerbarer Stromerzeugung und ausreichend Speicherkapazität ermöglicht es, günstigen Sonnenstrom dann verfügbar zu machen, wenn er am dringendsten benötigt wird.
Die Analyse liefert damit eine klare Botschaft an Politik und Regulierungsbehörden: Wer Strompreise senken, Importe reduzieren und die Versorgungssicherheit stärken will, muss den Ausbau von Batteriespeichern deutlich beschleunigen. Denn die Energie dafür wird in Österreich bereits erzeugt - sie muss nur zur richtigen Zeit verfügbar sein.